Der Himmel über der Ruhr ist blau – Das Programm am 7.7. in Oberhausen-Sterkrade

Am Donnerstag, den 7. Juli, lese ich ab 19.00 Uhr in der Stadtteilbibliothek Sterkrade bei freiem Eintritt. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“.

Wir sehen uns in der Stadtteilbibliothek Sterkrade, Wilhelmstraße 9, 46145 Oberhausen.

Der Himmel über der Ruhr ist blau

Was aus dem Schmuddelkind Ruhrgebiet wurde

Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Irgendwann ließ es sich nicht mehr übersehen. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Heute ist der Dreck in den Straßen des Ruhrgebiets verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich manchmal, wer sie eigentlich sind. Mit seinem Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ lädt Ralf Koss ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Filmregisseure von Weltruhm kamen nach Oberhausen, und Orchestermusikern wurde Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

Lese- und Hörstück zur Erinnerungskultur – Zwar ging davon die Welt nicht unter

Die Ruhrorter Rheinbrücke im März 1945

„Zwar ging davon die Welt nicht unter“ heißt das Lese- und Hörstück, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Ich suchte nach Wegen, ein formelhaftes Gedenken an das Kriegsende zu verändern. Dieses Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs braucht erweiterte Ausdrucksformen.

Es gibt kaum mehr Zeitzeugen, und die lange Jahre einvernehmliche Deutung des Kriegsendes wird inzwischen öffentlich immer wieder bestritten. So habe ich dieses Ringen um Deutung in das Zentrum meines Stückes gestellt. Corona hat die Premiere bislang verhindert. Nun findet sie am 10. April um 16 Uhr in Ruhrort statt. Zwei Jahre nach dem Entstehen macht Wladimir Putins Befehl zum Überfall auf die Ukraine aus einem Hörstück zur Erinnerungskultur einen Protest gegen den Krieg.

Die Programmankündigung gibt den einen Vorgeschmack.

Zwar ging die Welt davon nicht unter

Wladimir Putins Befehl zum Überfall auf die Ukraine macht aus einem Hörstück zur Erinnerungskultur einen Protest gegen den Krieg. Zwei Jahre lang hat Corona die Premiere verhindert. Nun erhält es durch die geteilten Erinnerungen an das Leid durch Kriege eine aktuelle Bedeutung.

Der Krieg in Europa ist wieder Gegenwart geworden. Auch wenn deshalb die Debatten um die deutsche Erinnerungskultur in den Hintergrund gerückt sind, im Zuspruch zu Wladiminir Putins Handeln machen sie sich in verkleideter Form bemerkbar. Schon länger fanden Politiker Unterstützung, die historische Wahrheiten über Bedingungen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur klein redeten. Deutsche sahen sich wieder vor die Entscheidung gestellt, ob der 8. Mai ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Niederlage ist.

Mit einem vielstimmigen Hörstück sucht Ralf Koss nach Möglichkeiten des Gedenkens an das Kriegsende. Die heile Schlagerwelt der Nazizeit untermalt die Erinnerungen von Duisburgern an die letzten Kriegstage. Historikerstimmen der Gegenwart begegnen einem Versuch über Duisburg im Nationalsozialismus zu schreiben aus dem Jahr 1949. Sie münden in die Erinnerungssehnsüchte von AfD-Politikern wie Alexander Gauland sowie Björn Höcke und der gegenüber dem erstarkten Rechtsextremismus wieder nötigen Botschaft des Liedermachers Konstantin Wecker „Sag nein“.

Ort: Vor dem Hochbunker, Milchstraße, 47119 Duisburg-Ruhrort
Bei Regen in der Gaststätte Zum Hübi, Horst-Schimanski-Gasse, 47119 Duisburg-Ruhrort
Zeit: 16 Uhr
Eintritt frei. Hutveranstaltung zur Unterstützung der Hofkultur Ruhrort

Den anderen Vorgeschmack geben zwei Aussschnitte des Lese- und Hörstücks – der erste ist den ersten zehn Minuten entnommen, der zweite Ausschnitt beeendet das Stück.

CHOR DER ERINNERUNG – EINE FRAU – 1.00

Anfang 45 waren meine Brüder in Würtemberg evakuiert und meine Mutter hat die besucht. Ich war da sechs. Das weiß ich noch, wie in der Zeit die Bomben fielen. Wenn Mutti da war, sind wir beim Alarm in den Bunker, von der Luisenstraße aus, das war weit. Aber ich war ja bei Frau Köhlen, der Nachbarin, und die hatten einen Keller. Da dachten die wahrscheinlich, da wären wir sicher. Ich weiß nicht. Jedenfalls waren wir in dem Keller bei jedem Angriff, und dann fielen die Bomben einmal auf das Krankenhaus nebenan, auf den Haniel-Stift. Da hast du gehört, wie die Steine flogen. Ich habe mich schon erschreckt und gedacht, hoffentlich passiert dir nichts. Aber heute in den Erinnerungen ist das nicht mehr so. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich, Angst gehabt zu haben. So haben wir eben gelebt als Kinder. Es war wohl sehr schlimm nachher. Das war ja alles nur noch Schutt, das Krankenhaus, als wir aus dem Keller rauskamen. Aber bei uns war alles stehen geblieben.

MUSIK

Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter 1942 – (ab 0.19 – 2.09)

EIN ICH DER GEGENWART

Davon ging die Welt nicht unter. Nein. Nicht von zerstörerischem Militär. Nicht von zwölf Jahren Nazidiktatur. Die Welt ist ewiger als wir.

Die Welt ging nicht unter, aber Millionen Menschen verloren ihr Leben in dieser nicht untergegangenen Welt. Millionen Menschen litten in ihrem nicht verlorenen Leben und lebten mit den Folgen des Leids weiter. Millionen Menschen versuchten ihre einzigartige Geschichte des Leidens in Einklang zu bringen mit anderen Geschichten des Leidens. Schweigen wurde für viele eine Möglichkeit zu solch einem Einklang. Davon ging die Welt nicht unter.

Die Deutschen hatten dieses Lied gesungen, obwohl sie sich nicht unbedingt einig in dem „davon“ waren. Was war denn dieses davon? Das Bombardement der Alliierten? Der Tod des Mannes für das Vaterland an der Front? Gestorbene Kinder? Die im Keller verschüttete Ehefrau? Die große Liebe eines Lebens tot? Oder war dieses „davon“ doch die Nazidiktatur selbst?

Bruno Balz hatte den Text geschrieben, als er sich in Gestapo-Haft befand. Er war homosexuell. In der Weimarer Republik hatte er sich für die Rechte von Homosexuellen publizistisch eingesetzt. Im Nationalsozialismus wurde er gleich zweimal Opfer der schwulenfeindlichen Gesetzgebung. Er hatte Glück. Er überlebte die körperliche Gewalt der Gestapo. Ihm blieb das Konzentrationslager im letzten Moment erspart, weil der Komponist Michael Jary sich für ihn bei Goebbels einsetzte. Für Bruno Balz war die Welt nicht untergegangen. Er mag seinen Liedtext als heimlichen Triumphgesang nach den gewaltvollen Gestapo-Verhören empfunden haben. Dasselbe Lied sangen aber auch die lokalen Nazifunktionäre, die in den letzten Kriegsmonaten nichts zu verlieren hatten und deshalb immer radikaler in ihrem Fanatismus wurden. Es sangen Männer, die ihre Mitbürger wegen drei oder vier kritischer Worte zur Kriegslage zum Tode verurteilten. Dasselbe Lied sangen die Menschen in deutschen Städten, die nichts anderes mehr besaßen als den obligatorischen Koffer, der für den Alarmfall immer gepackt gewesen war. Die todgeweihten Opfer der Nazis in den Vernichtungslagern sangen dieses Lied nicht mehr.

II

CHOR DER GEGENWART – BJÖRN HÖCKE, AFD-POLITIKER

Der Parteiengeist muss überwunden, die innere Einheit hergestellt werden.

Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen, aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.

Vor allem eine neue politische Führung wird dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben: Sie […] muss aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwider laufen.

[…] neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Reimigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ […] herumkommen.”

Ich bin mir sicher, daß […] am Ende noch genug Angehörige unseres Volks vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können. Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen.

EIN ICH DER GEGENWART

Björn Höcke stellte in dem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ diese Ansichten von der deutschen Zukunft vor. Wir können wissen, wie er handeln wird, sollte er jemals an die Macht kommen. Geschichte wiederholt sich nicht und dennoch bietet sie Beispiele. Im Gewand des Nationalsozialismus werden Politiker diktatorische Macht nicht mehr ergreifen. Selbst die Afd möchte sich nur allzu gerne vom Nationalsozialismus abgrenzen. Was deshalb als Lehre weiter wirkt: Es kann immer wieder Momente der Geschichte geben, in denen einer national orientierten, autoritären, rassistisch handelnden Regierung zur Macht verholfen werden kann.

Deshalb bleibt das Gedenken an den 8. Mai als Tag der Befreiung und der Niederlage gleichermaßen von Bedeutung für die Gegenwart. Weil Politiker wie Björn Höcke weiter um die Macht in der AfD kämpfen und solche Politiker demokratische Verfahren in Deutschland nur so lange für richtig halten, bis sie selbst Macht ausüben können und ihre demokratiefeindlichen Ansichten im politischen Handeln wirksam wird.

Darum geht es weiterhin beim Gedenken an das Kriegsende: Welche Haltung nimmt jeder einzelne gegenüber Politikern ein, die mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit sprechen? Die Nazis hielten sich erst später mit Terror an der Macht.

Noch einmal: Geschichte wiederholt sich nicht. Über Kooperationen mit demokratiefeindlichen Politikern denken heute nicht nur Konservative am rechten Rand der CDU oder Liberale in Thüringen nach. Corona zeigte, es gibt auch in einem sich sonst als alternativ verstehendem Milieu keine Berührungsängste mit Rechtsextremen.

Jeder wahrhaftige Blick auf den Nationalsozialismus und die zwei, drei Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten führt aber zu einer einzigen Einsicht: Autoritäre wie faschistische Regierungen kommen an die Macht, wenn sich die Bürger eines Landes nicht klar von den rechtsextremen Bewegungen distanzieren. Es gibt nur eine Einsicht: Keine politische Kooperation mit Befürwortern von autoritärem Nationalismus, sei es von Politikern in Parlamenten, sei es von liberalen Protestieren auf Demonstrationen. Keine Toleranz gegenüber Intoleranten.

MUSIK

Konstantin Wecker – Sage nein

Stefanie Kuhne † 10. Dezember 2021

Foto: Michael Kolle

* 24. Februar 1975
† 10. Dezember 2021

In den Jahren, als sich Nordrhein-Westfalen flächendeckend in ein Großindustriekonglomerat der Medienbranche verwandeln wollte, lernte ich Stefanie Kuhne auf dem Medienforum, dem jährlich stattfindenden Medienkongress des Landes in Köln kennen. Für NRW klappte das mit der Hollywood-Konkurrenz dann zwar nicht so, doch waren die medienpolitischen Anstrengungen der Landesregierung nicht vergeblich gewesen. Denn der Medienkongress als Branchentreff, auch um Perspektiven zu entwickeln, funktionierte. Aus meiner ersten Begegnung mit Stefanie Kuhne erwuchs wenig später eine erfolgreiche Zusammenarbeit und Freundschaft.

Stefanie Kuhne arbeitete damals für die Staatskanzlei, ich während der Tage des Medienforums für das Landespresseamt. Wir ließen den Tag in einer größeren Runde auf einer Party ausklingen. Obwohl es am nächsten Tag früh weiterging, blieben wir alle lange. Sie war in Essen-Kettwig aufgewachsen, ich in Duisburg. Wir Exil-Ruhris erkannten uns schnell. Nach dem erschöpfenden Arbeitstag genossen wir die leichte, fröhliche und entspannte Stimmung. Das wiederholten wir mehrmals noch einige Jahre auf diesem Medienkongress.

Wenn ich in der Folgezeit wusste, Stefanie Kuhne wäre bei einem meiner beruflichen Termine auch anwesend, so war mir die Aufgabe gleich sympathischer. Es muss 2007 gewesen sein, als sie mich anrief. Inzwischen arbeitete sie als freie Lektorin und Autorin. Ihr war ein Buchprojekt angeboten worden, das sie nicht alleine machen wollte. Mit diesem Anruf begann unsere langjährige Zusammenarbeit.

Das Projekt folgte den Moden des Buchmarktes damals. Allerlei Wissen über ein Thema sollte als buntes Sammelsurium veröffentlicht werden. Für uns hieß das, Zahlen, Fakten und Daten über München und Berlin zu sichten und unterhaltsam zusammenzustellen. Ein Mitnahmeartikel für das Moderne Antiquariat sollte entstehen. Ein Schnellschuss, der eigentlich nur begrenzte Arbeit hätte erlaubt, wenn wir das Buy-Out-Honorar im Blick behielten. Doch ich merkte schnell, wir konnten beide nicht anders als mit unseren sonstigen Ansprüchen zu arbeiten. Im Grunde warfen wir Perlen vor die Säue. So freute ich mich, als ich vier Jahre später die Gelegenheit bekam, umgekehrt Stefanie Kuhne nach ihrer Möglichkeit und Bereitschaft für ein Buch in einem anderen Verlag zu fragen. Bei der 111-Orte-Reihe im Emons-Verlag waren wir mit der Qualität unserer Arbeit an der richtigen Stelle – wie etwa bei unserem Buch, das diesen Blog begründete: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen.

Ich arbeitete gerne mit jemandem zusammen, aber lange Jahre hatte ich niemanden gefunden, dem ich so vertrauen konnte wie mir selbst. Stefanie Kuhne war dieser Mensch. Für mich gestaltet sich so eine Zusammenarbeit ähnlich wie eine Paarbeziehung. Im Handeln zeigt sich die Persönlichkeit, und fortwährendes Sprechen schafft die Verbindung. Stefanie Kuhne hörte zu und versuchte zu verstehen. Dabei war sie zielorientiert und blieb wertschätzend, auch wenn sie anderer Meinung war.

Sie arbeitete gewissenhaft, sehr präzise und vertraute nie schon der ersten Quelle. Sie brachte die wichtigste Eigenschaft jeden freien Textarbeiters mit. Sie hielt Termine genau ein. Wir ergänzten uns bei den Buchprojekten mit unseren jeweiligen Interessen und Herangehensweisen. Oft war sie der Motor, der mit dem Blick auf den Abgabetermin, schon mal etwas auf Halde schrieb. Währenddessen bastelte ich weiter an der Vielfalt unserer Zusammenstellung. Sie hatte ein Gespür für die nötigen leichten Themen. Sie wusste bei den anspruchsvollen Themen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.

Diese beruflichen Fähigkeiten wurden ihr neben vielen anderen durch ihre Erkrankung nach und nach genommen. Meine erste Trauer hatte ich zu bewältigen, als deutlich war, dass wir kein Buch mehr gemeinsam auf den Markt bringen würden. Doch Leben heißt jederzeit so zu leben, wie es die eigenen Fähigkeiten im Moment zulassen. Leben heißt, ein Schicksal annehmen. Stefanie Kuhne hat in der abnehmenden Vielfalt von Möglichkeiten ihr Leben weiter jeden Moment selbst gestaltet. Sie wollte am Leben teilhaben, so wie sie es konnte. Das ist ihr bis zuletzt gelungen. Ich bin froh und dankbar für die Zeit, die Gespräche, den Spaß und die Zusammenarbeit mit Stefanie Kuhne. Am Freitag, den 10. Dezember, ist Stefanie Kuhne im Alter von 46 Jahren gestorben.

Fundstück – Werbeanzeige 1951 Orlob – Herrenbekleidung

Ein weiteres Fundstück fiel mir bei der Arbeit am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag in die Hände. Anlässlich des Aufstiegs vom Meidericher SV in die Oberliga West hat die Neue Ruhr Zeitung am 5. Mai 1951 vier Sonderseiten veröffentlicht. Ich möchte sagen, ein gutes Geschäft, weil die Anzeigenabteilung sehr erfolgreich war. Der redaktionelle Inhalt zieht gegenüber den Anzeigen klar den kürzeren. Was uns heute dankenswerter Weise einen tiefen Einblick in die Alltagsgeschichte Duisburgs gibt, weil sich aus den sich präsentierenden Unternehmen doch Rückschlüsse auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gegebenheiten im Norden Duisburgs ziehen lassen.

Mein Augenmerk gilt heute der Anzeige von Orlob. Wie es in der Anzeige heißt: „Das führende Fachgeschäft für Herren- und Knabenbekleidung“. Es gab zwei Filialen, die eine befand sich in Oberhausen im Zentrum, auf der Marktstraße. Die andere in Duisburg-Ruhrort auf der Fabrikstraße.

Mein Orlob war das von Ruhrort. Für mich befand es sich am Friedrichsplatz, weil das Ende der Fabrikstraße in meiner Wahrnehmung als Kind mit ihm verschmolz. Ich habe den kleinen Mantel noch vor Augen, den ich mit etwa 5 Jahren in dem Geschäft erhielt. Genaue Erinnerungen an das Innere des Geschäfts habe ich nicht. Wenn ich daran denke, war es dunkler als draußen. Einen Teppich von gräulicher Farbe sehe ich vor mir.

Alles verschwimmt und Orlob ist nur noch das Gefühl für die Sonntagskleidung, die es in den 1960er noch gab. Bei Orlob wurde für mich nichts gekauft, was ich im Kindergarten anzog. Dort wurden besagter Mantel gekauft, aber auch eine Stoffhose un ein Pepita-Hut, in der Form, wie er vor etwa 10 Jahren bei jungen Männern Mode war. Für einen Jungen galt auch damals, wenn er „für gut“ eingekleidet wurde, war die Männermode in etwas niedlicher – die Hutform – das Vorbild.

Werbesprache ist zeitgebunden, so lässt der Anzeigentext heute schmunzeln. Orlob stellte sich in der fremd wirkenden Überschrift zum Ladennamen als „Ihr Kleiderberater“ vor. Und so ein Kleiderberater berät nicht nur, sondern garantiert auch durch seine „Kleiderberaterart“ die tadellose Verarbeitung bei den „ein- und zweireihigen Anzügen“. Mutig verspricht der „Kleiderberater“ nach dem Orlob-Besuch Erfolg, Glück und Liebe. Die letzte Zeile weist dann darauf hin, für diese Versprechen ist leider dann doch auch Geld nötig. Offensichtlich war das damals für die bessere Kleidung nicht in jedem Haushalt vorhanden. Verbraucherkredite waren üblich. Die Kundenkredit G.m.b.H. war auf solche Kredite spezialisiert. Die Kredite für die kleinen Leute mit den entsprechend hohen Zinsen. So kleine Leute bedeuten eben oft ein höheres Risiko.

Wann Orlobs Ladenlokale schlossen, weiß ich nicht. Ich bin sicher, ihr wisst es. Wenn ihr Lust habt, erzählt eure Orlob-Geschichten in den Kommentaren.

Fundstück – Postkarte SV Hamborn 07

Bei der Arbeit am „Irrtümer und Wahrheiten“-Buch über den MSV für den Klartext-Verlag fiel mir neulich beim Blick ins Handarchiv eine Postkarte der Mannschaft vom SV Hamborn 07 in die Hände. Es ist einer der beiden Vereine, aus denen 1954 die Sportfreunde Hamborn 07 hervorgegangen sind. Ich habe leider keine Zeit nachzuprüfen, in welcher Saison genau die Mannschaft angetreten ist.

Da in den ersten Oberligajahren des Vereins „Burger“ Hetzel dabei sein müsste, könnte es die Saison 1946/47 gewesen sein. In jener Zeit spielte er das erste Mal beim MSV. Geschichten über einzelne Spieler wären sicher auch interessant. Ich stelle schon mal eine Datei in den Entwürfe-Ordner. Wenn ihr aber schon was zu erzählen habt, ab in die Kommentare.

Ein Bergmannschor aus Lünen singt mit Rainald Grebe

Rainald Grebe ist Musiker, Autor, ein Bühnenkünstler, der deutsche Wirklichkeit genau beobachtet und sie mit oft satirischen Texten seiner Lieder beschreibt. Neben dieser Komik schimmerte schon immer auch eine liebevolle Verbundenheit zu manchen der von ihm kritisch besungenen Welten abseits der hippen Großstadtkultur durch.
Für seine demnächst erscheinende CD Popmusik führte dieser Sinn für Geschichte und Tradition zur Begegnung mit ehemaligen Bergmännern, die den Knappenchor MGV Harmonie Lünen am Leben halten. Schon bei einem Bühnenstück in Dortmund hatte er mit ihnen zusammengearbeitet. Nun haben sie für das im englischen Original von Bette Midler gesungene Lied „Die Rose“ Strophen eingesungen.
Jörg Maas hat für den WDR über diese Zusammenarbeit zwischen Chor, Rainald Grebe und dem Produzenten Martin Bechler eine kurze Dokumentation gedreht. Nicht oft lässt sich so konkret wie bei der Liedaufnahme erleben, wie Vergangenheit in die Gegenwart hinein wirkt und zu etwas Neuem wird. Das gilt für die Sänger, die bei der Aufnahme von alten Tugenden ihres Bergmann-Berufs getragen wurden. Das gilt für das Lied selbst, das 1979 entstand und in dieser Interpretation die Gestalt eines Volkslieds annimmt. Das gilt für den Ort der Aufnahme in Lünen zu Corona-Zeiten, wo die Aufnahmetechnik zwischen den Erinnerungsstücken des Bergbaus aufgestellt war. Das gilt natürlich für die Zusammenarbeit selbst zwischen Rainald Grebe und dem Chor. Welch seltener Blick auf ein besonderes Geschehen in der Kulturwelt Deutschlands. Berührend, großartig.

Der letzte Teil der Dokumentation wurde zum Clip für das Lied. Wer das Lied also nur alleine, ohne die Entstehungsgeschichte hören will, bitte schön!

111 Orte beim Lebendigen Adventskalender Ruhrort

Seit 2010 gibt es im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort den Lebendigen Adventskalender. Natürlich hat Corona in diesem Jahr auch die adventlichen Begegnungen der Ruhrorter unmöglich gemacht. Doch nicht einfach ausfallen sollten zumindest die vielen unterschiedlichen Gelegenheit um innezuhalten. Das Kreativquartier organisierte deshalb einen Online-Adventskalender, an dem ich mit einer Lesung zweier Texte zur deutsch-französischen Freundschaft aus unserem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen teilnehmen konnte. Bitte schön!

Dortmund im 111-Orte-Podcast

Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen.

Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät.

Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor.

Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.

Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.

Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe.

Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet.

Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.

Ein Jubiläumsgeschenk für 25 Jahre Pütt 1939

Die 1986 verstorbene Anna Mertens wohnte bis zu ihrem Tod in Duisburg-Meiderich in jener Wohnung, die sie vermutlich in den 1950er Jahren bezogen hatte. In dieser Wohnung gab es das Schlafzimmer und die Küche mit Sofa sowie zwei Stühlen an einem Tisch. Der diente zur Küchenarbeit und zu allem anderen. Die BILD-Zeitung, die WAZ und die Glück aus der Lottoannehmestelle wurden dort gelesen. Dort wurden Einkaufslisten geschrieben. Mit den Kindern des Besuchs spielte man Karten. Gegessen wurde auch an dem Tisch. Das Spülbecken in der Küche war die Waschgelegenheit. Daneben stand der Fernseher. Ein Bad gab es nicht. Im Schlafzimmer wurde sich nur an- und ausgezogen sowie geschlafen. Eine Toilette ohne Heizmöglichkeit befand sich auf halber Treppe im Hausflur. Wenn sie baden wollte, besuchte sie ihren Bruder, der in einem Einzimmerappartement auf der Stolzestraße wohnte. Auch das waren Lebensverhältnisse in den 1980er Jahren für eine Frau, die im Alter von 82 Jahren starb.

Anna Mertens‘ Ehemann Hermann muss um 1960 gestorben sein. An ihn erinnerte ein Portraitfoto an der Wand und ein gerahmtes Bild, das ihm zu seinem 25-jährigen Berufsjubiläum geschenkt worden war. Fast alles, was ich über ihn weiß, steht auf diesem Bild anlässlich seines Jubiläums. Anscheinend hatte er eine Lehre als Elektriker bei AEG gemacht. Nach der Lehre begann er auf dem Kampschacht der Zeche Westende zu arbeiten. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Schenkenden hielten ihn für mutig. Er ging mit seiner Frau ins Kino. Er hatte einmal unter Tage Gas entdeckt. Was das in seiner Zeit bedeutete, müssten mir Bergbau-Fachleute erzählen.

Ebenso müssten sie mir deuten, wer dieses Geschenk überreichte. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein offizielles Geschenk des Bergwerkunternehmens handelt. Andererseits klingt die Anrede aber danach: „Unserem lieben Mitarbeiter“? Oder war „Mitarbeiter“ damals das heute übliche „Kollege“? Auch Sprachhistoriker könnten also das Rätsel lösen.

Begonnen hat die Geschichte der Zeche Westende in Meiderich. Auf der Seite Ruhrgebietszechen findet sich die Historie der Zeche ausführlich beschrieben. Fotos des Geländes aus der jüngsten Vergangenheit ergänzen den Text. Schacht I/II befanden sich gegenüber der Fläche des Vereinsgeländes vom MSV Duisburg. Deshalb heißt die Straße dort Westender Straße.

Die Einfahrt zum ehemaligen Kampschacht befindet sich viel weiter nordwestlich, an der Verbindungsstraße zwischen Meiderich-Berg und Laar. Auch auf Fördergerüste.de ist der Zeche Westende ein Unterkapitel samt historischen Fotos gewidmet.

So ein Jubiläumsgeschenk ist im Erzählen der Allgemeingeschichte verschwunden. Es rückt aber die Menschen in den Vordergrund, die auf der Zeche gearbeitet haben. Ich wäre deshalb dankbar für detaillierte Deutungen des Jubiläumsgeschenks in den Kommentaren.

Widerstand im Nationalsozialismus – Die Hamborner Brotfabrik Germania

Im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort gibt es im Frühjahr mit der HofKultur normalerweise eine Veranstaltungsreihe, bei der Kulturschaffende zu jährlich wechselnden gesellschaftspolitischen Themen ein Programm gestalten. Meist wird eine besondere Mischform von Konzert und Lesung dargeboten. In diesem Jahr war das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren der Anlass zu Gedenken und Erinnerung. Corona machte die Live-Auftritte unmöglich. So möchte ich heute und in einer weiteren Folge zumindest auf zwei der Programme hinweisen, die online verfügbar sind.

Das erste Programm war als Gedenken an Duisburger geplant, die in den ersten Jahren des Nationalsozialismus gegen die Diktatur Widerstand geleistet hatten. Das organisatorische Zentrum dieses Widerstands befand sich in der Hamborner Brotfabrik Germania.

Auch ich hatte mich für unser Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen mit der Geschichte dieser Menschen beschäftigt. Umso erfreuter war ich, als ein paar Wochen nach der geplanten Veranstaltung statt des Live-Geschehens das Programm per Video erlebbar wurde.

Nicht nur an die unterschiedlichen Schicksale jener Duisburger im Widerstand erinnert das Programm. Gedanken und Handeln von Menschen werden bei drohender Gewalt werden erfahrbar. Politische Lieder sind zu hören. Sie waren oft ein Versuch, Mut zu geben in Zeiten der Verfolgung.

Bühne frei für

Folkert Küpers – Sprecher und Kurator
Barbara Wedekind – Sprecherin
Cello Eike von Schmeling – Gesang, Flöte
Detlef von Schmeling – Gesang, Gitarre
Clemens Graefen – Gesang, Gitarre, Bass

Wer sich das Video auf Youtube anschaut, findet in den Infomationen eine Setlist der Beiträge mit Minuten-Angabe.

Im Wikipedia findet sich ein Artikel zur Brotfabrik Germania.

Ein kurzer Eintrag zum Sozialdemokraten Hermann Runge findet sich auf der Seite Gedenkstätte Deutscher Widerstand.