Ein Bergmannschor aus Lünen singt mit Rainald Grebe

Rainald Grebe ist Musiker, Autor, ein Bühnenkünstler, der deutsche Wirklichkeit genau beobachtet und sie mit oft satirischen Texten seiner Lieder beschreibt. Neben dieser Komik schimmerte schon immer auch eine liebevolle Verbundenheit zu manchen der von ihm kritisch besungenen Welten abseits der hippen Großstadtkultur durch.
Für seine demnächst erscheinende CD Popmusik führte dieser Sinn für Geschichte und Tradition zur Begegnung mit ehemaligen Bergmännern, die den Knappenchor MGV Harmonie Lünen am Leben halten. Schon bei einem Bühnenstück in Dortmund hatte er mit ihnen zusammengearbeitet. Nun haben sie für das im englischen Original von Bette Midler gesungene Lied „Die Rose“ Strophen eingesungen.
Jörg Maas hat für den WDR über diese Zusammenarbeit zwischen Chor, Rainald Grebe und dem Produzenten Martin Bechler eine kurze Dokumentation gedreht. Nicht oft lässt sich so konkret wie bei der Liedaufnahme erleben, wie Vergangenheit in die Gegenwart hinein wirkt und zu etwas Neuem wird. Das gilt für die Sänger, die bei der Aufnahme von alten Tugenden ihres Bergmann-Berufs getragen wurden. Das gilt für das Lied selbst, das 1979 entstand und in dieser Interpretation die Gestalt eines Volkslieds annimmt. Das gilt für den Ort der Aufnahme in Lünen zu Corona-Zeiten, wo die Aufnahmetechnik zwischen den Erinnerungsstücken des Bergbaus aufgestellt war. Das gilt natürlich für die Zusammenarbeit selbst zwischen Rainald Grebe und dem Chor. Welch seltener Blick auf ein besonderes Geschehen in der Kulturwelt Deutschlands. Berührend, großartig.

Der letzte Teil der Dokumentation wurde zum Clip für das Lied. Wer das Lied also nur alleine, ohne die Entstehungsgeschichte hören will, bitte schön!

111 Orte beim Lebendigen Adventskalender Ruhrort

Seit 2010 gibt es im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort den Lebendigen Adventskalender. Natürlich hat Corona in diesem Jahr auch die adventlichen Begegnungen der Ruhrorter unmöglich gemacht. Doch nicht einfach ausfallen sollten zumindest die vielen unterschiedlichen Gelegenheit um innezuhalten. Das Kreativquartier organisierte deshalb einen Online-Adventskalender, an dem ich mit einer Lesung zweier Texte zur deutsch-französischen Freundschaft aus unserem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen teilnehmen konnte. Bitte schön!

Dortmund im 111-Orte-Podcast

Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen.

Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät.

Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor.

Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.

Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.

Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe.

Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet.

Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.

Ein Jubiläumsgeschenk für 25 Jahre Pütt 1939

Die 1986 verstorbene Anna Mertens wohnte bis zu ihrem Tod in Duisburg-Meiderich in jener Wohnung, die sie vermutlich in den 1950er Jahren bezogen hatte. In dieser Wohnung gab es das Schlafzimmer und die Küche mit Sofa sowie zwei Stühlen an einem Tisch. Der diente zur Küchenarbeit und zu allem anderen. Die BILD-Zeitung, die WAZ und die Glück aus der Lottoannehmestelle wurden dort gelesen. Dort wurden Einkaufslisten geschrieben. Mit den Kindern des Besuchs spielte man Karten. Gegessen wurde auch an dem Tisch. Das Spülbecken in der Küche war die Waschgelegenheit. Daneben stand der Fernseher. Ein Bad gab es nicht. Im Schlafzimmer wurde sich nur an- und ausgezogen sowie geschlafen. Eine Toilette ohne Heizmöglichkeit befand sich auf halber Treppe im Hausflur. Wenn sie baden wollte, besuchte sie ihren Bruder, der in einem Einzimmerappartement auf der Stolzestraße wohnte. Auch das waren Lebensverhältnisse in den 1980er Jahren für eine Frau, die im Alter von 82 Jahren starb.

Anna Mertens‘ Ehemann Hermann muss um 1960 gestorben sein. An ihn erinnerte ein Portraitfoto an der Wand und ein gerahmtes Bild, das ihm zu seinem 25-jährigen Berufsjubiläum geschenkt worden war. Fast alles, was ich über ihn weiß, steht auf diesem Bild anlässlich seines Jubiläums. Anscheinend hatte er eine Lehre als Elektriker bei AEG gemacht. Nach der Lehre begann er auf dem Kampschacht der Zeche Westende zu arbeiten. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Schenkenden hielten ihn für mutig. Er ging mit seiner Frau ins Kino. Er hatte einmal unter Tage Gas entdeckt. Was das in seiner Zeit bedeutete, müssten mir Bergbau-Fachleute erzählen.

Ebenso müssten sie mir deuten, wer dieses Geschenk überreichte. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein offizielles Geschenk des Bergwerkunternehmens handelt. Andererseits klingt die Anrede aber danach: „Unserem lieben Mitarbeiter“? Oder war „Mitarbeiter“ damals das heute übliche „Kollege“? Auch Sprachhistoriker könnten also das Rätsel lösen.

Begonnen hat die Geschichte der Zeche Westende in Meiderich. Auf der Seite Ruhrgebietszechen findet sich die Historie der Zeche ausführlich beschrieben. Fotos des Geländes aus der jüngsten Vergangenheit ergänzen den Text. Schacht I/II befanden sich gegenüber der Fläche des Vereinsgeländes vom MSV Duisburg. Deshalb heißt die Straße dort Westender Straße.

Die Einfahrt zum ehemaligen Kampschacht befindet sich viel weiter nordwestlich, an der Verbindungsstraße zwischen Meiderich-Berg und Laar. Auch auf Fördergerüste.de ist der Zeche Westende ein Unterkapitel samt historischen Fotos gewidmet.

So ein Jubiläumsgeschenk ist im Erzählen der Allgemeingeschichte verschwunden. Es rückt aber die Menschen in den Vordergrund, die auf der Zeche gearbeitet haben. Ich wäre deshalb dankbar für detaillierte Deutungen des Jubiläumsgeschenks in den Kommentaren.

Widerstand im Nationalsozialismus – Die Hamborner Brotfabrik Germania

Im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort gibt es im Frühjahr mit der HofKultur normalerweise eine Veranstaltungsreihe, bei der Kulturschaffende zu jährlich wechselnden gesellschaftspolitischen Themen ein Programm gestalten. Meist wird eine besondere Mischform von Konzert und Lesung dargeboten. In diesem Jahr war das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren der Anlass zu Gedenken und Erinnerung. Corona machte die Live-Auftritte unmöglich. So möchte ich heute und in einer weiteren Folge zumindest auf zwei der Programme hinweisen, die online verfügbar sind.

Das erste Programm war als Gedenken an Duisburger geplant, die in den ersten Jahren des Nationalsozialismus gegen die Diktatur Widerstand geleistet hatten. Das organisatorische Zentrum dieses Widerstands befand sich in der Hamborner Brotfabrik Germania.

Auch ich hatte mich für unser Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen mit der Geschichte dieser Menschen beschäftigt. Umso erfreuter war ich, als ein paar Wochen nach der geplanten Veranstaltung statt des Live-Geschehens das Programm per Video erlebbar wurde.

Nicht nur an die unterschiedlichen Schicksale jener Duisburger im Widerstand erinnert das Programm. Gedanken und Handeln von Menschen werden bei drohender Gewalt werden erfahrbar. Politische Lieder sind zu hören. Sie waren oft ein Versuch, Mut zu geben in Zeiten der Verfolgung.

Bühne frei für

Folkert Küpers – Sprecher und Kurator
Barbara Wedekind – Sprecherin
Cello Eike von Schmeling – Gesang, Flöte
Detlef von Schmeling – Gesang, Gitarre
Clemens Graefen – Gesang, Gitarre, Bass

Wer sich das Video auf Youtube anschaut, findet in den Infomationen eine Setlist der Beiträge mit Minuten-Angabe.

Im Wikipedia findet sich ein Artikel zur Brotfabrik Germania. 

Ein kurzer Eintrag zum Sozialdemokraten Helmut Runge findet sich auf der Seite Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Als Schild Bochum 1938 das Fußballspiel nach der Meisterschaft verboten wurde

Die Castroper Straße 10 in Bochum gibt es nur noch als Teil der Doppelbebauung zweier Grundstücke. Ein Zweckbau ist hier errichtet worden, wo einst zwei Häuser standen. In einem von ihnen, auf besagtem Grundstück Nummer 10 befand sich das Vereinsheim von Schild Bochum, dem letzten Deutschen Meister vom jüdischen Sportverband Schild. Noch 1938 fand in diesem Haus ein Festakt statt, nachdem die Bochumer Mannschaft am 26. Juni das Endspiel gegen den Titelverteidiger Schild Stuttgart mit 4:1 gewann. Dieser Sieg hatte für die verbliebenen Mitglieder der Bochumer jüdischen Gemeinde einen hohen Stellenwert. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde war anwesend, der Rabbiner, sowie mehrere Schild-Sportfunktionäre.

Schild Bochum war als Hakoah Bochum 1925 von Erich Gottschalk und Freunden gegründet worden. Die Familien der Gründungsmitglieder stammten aus dem Bürgertum. Erich Gottschalk besaß ein Handelsunternehmen. Ein Jahr nach der Gründung waren etwa 300 der 1000 Bochumer Juden Mitglied in dem Sportverein. Sie waren nicht nur Fußballer. Es wurde Leichtathlektik betrieben. Fechten war ein Sport im Verein, Boxen und Tischtennis.

Das war jenes Jahr, als der jüdische Verein Hakoah Essen die Aufnahme in den Westdeutschen Spielverband (WSV) beantragte. Der Vorsitzende des WSV, Constans Jersch, damals Präsident des TuS Bochum und bis in die 1950er Jahre Funktionär beim VfL Bochum, lehnte diesen Antrag wegen „Überfüllung der Spielklassen“ ab. Im antisemitischen Klima jener Zeit wirkte die Entscheidung auf die jüdischen Sportler als Ausgrenzung und Aufforderung, sich selbst zu organisieren. In der Folge wurde der „Verband jüdisch neutraler Turn- und Sportvereine Westdeutschlands“, VINTUS, gegründet, der eine eigene Fußballliga organisierte, eingeteilt in den Ruhr- und Rheinkreis. Diese VINTUS-Liga muss man sich zunächst als gehobene Freizeitliga vorstellen, in der Hakoah Bochum dreimal Meister wurde.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 schlossen viele DFB-Vereine ihre jüdischen Mitglieder im vorauseilenden Gehorsam aus. Wenn die ausgegrenzten Fußballer weiter ihren Sport betreiben wollten, blieben ihnen die jüdischen Sportvereine. Entsprechend stieg deren Mitgliederzahl. Nicht nur der Spielbetrieb wurde deshalb ausgeweitet, auch das sportliche Niveau der Mannschaften verbesserte sich durch die neuen Mitglieder.

Die jüdischen Sportler hatten zunächst die Wahl zwischen dem zionistisch geprägten Makkabi-Verband und dem Schild-Verband, in dem sich schon zuvor Juden organisiert hatten, die sowohl ihren jüdischen Glauben als auch ihre innere Verbindung zu Deutschland zum Ausdruck bringen wollten. Erst später zwangen die Nationalsozialisten beide Verbände zu kooperieren. Hakoah Bochum schloss sich dem Schild-Verband an, nannte sich um und setzte als Schild Bochum seine Erfolgserie fort. Von 1933 bis 1938 erreichte der Verein vier von fünf Finalspielen und gewann dreimal den Titel in der VINTUS-Liga.

Ab 1936, die Nürnberger Gesetze entrechteten im Jahr zuvor die jüdische Bevölkerung, wurde dem Verein in Bochum der Sportbetrieb nicht mehr ermöglicht. Die Mitbenutzung der Platzanlage von Preußen 07 war aufgekündigt worden, und Schild musste fortan nach Gelsenkirchen-Ückendorf ausweichen, wo der dortige jüdische Verein einen eigenen Sportplatz besaß.

Der Schild-Verband verantwortete das Ausspielen der Deutschen Meisterschaft. Das letzte Endspiel dieser Meisterschaft fand 1938 statt. Schild Bochum stand zum erstenmal im Endspiel um die „Schild“-Meisterschaft und gewann gegen den Titelverteidiger und zweimaligen „Schild“-Meister aus Stuttgart. Die Zeitung der „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ berichtete vier Tage nach dem Finale von einem kampfbetonten und schnellen Spiel vor 400 Zuschauern.  Die Mannschaft gewann trotz verletzungsbedingtem Ausfall des Außenstürmers in der 10. Minute.

Vier Monate nach dem Titelgewinn endete mit den Pogromen des 9. November 1938 die Vereinsgeschichte. Die Spieler wurden verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt und nur wenige konnten flüchten. Erich Gottschalk überlebte in Ausschwitz durch Zufall. Seine Ehefrau, die Tochter und die Eltern von Erich Gottschalk wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Der Text greift das Kapitel „Das Vereinsheim von Schild Bochum“ auf aus meinem mit Frank Baade geschriebenen Buch „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. Der Sporthistoriker Henry Wahlig hat die Geschichte des jüdischen Sports im Allgemeinen und die des Bochumer Vereins im Besonderen intensiv erforscht.

Lebenswirklichkeit von 1965 am Beispiel Jugendfußball

Im Dezember 1965 wurde Der ‚kleine‘ Fußball zum ersten Mal ausgestrahlt. Die knapp 30-minütige Reportage beschäftigt sich mit Schwierigkeiten und Möglichkeiten von Duisburger Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Freizeit Fußball spielen wollen.

Im Laufe des Beitrags wird durch O-Töne von Vereinsvertretern aus ganz NRW deutlich, Duisburg steht als Beispiel für die damalige Situation im ganzen Bundesland. Das kommt etwas überraschend, weil mit einem Mal Männer in breitestem rheinischen Singsang sprechen und man sich fragt, ob die jetzt alle im Pott wegen der Arbeit gelandet sind. Doch nach und nach wird klar, sie sprechen für ihre jeweiligen Heimatstädte.

Überhaupt werden die anderen Sehgewohnheiten jener Zeit deutlich. Welch anderer Ton wird im begleitenden Kommentar angeschlagen. Wie erziehend klingt das zuweilen. Auch wenn der Beitrag Schwierigkeiten auf allen möglichen Ebenen zeigen soll, die Belehrung des Zuschauers schlägt immer wieder durch. Bildungsauftrag gehörte offensichtlich auch zum tagesjournalistischen Ethos. Die Zuschauer sollten animiert werden, sich im Ehrenamt bei Sportvereinen zu engagieren und ihre Kinder Fußball in Sportvereinen spielen zu lassen.

Aber schon in den heute als rosig scheinenden Zeiten des Vereinsengagements gab es zu wenige Betreuer für die Jugendmannschaften. Kurios muten die gestellten Szenen an, in denen der Jugendobmann des TuS Duisburg 48/99 sich mit einem Vater unterhält.

Duisburg in den 1960er Jahren war immer noch eine Stadt im Wiederaufbau. Kriegsschäden sind in den Straßen weiterhin überall zu sehen. Leerflächen sind voll von Steinen und Scherben. Der Verkehr nimmt zu. Straßenfußball ist gefährlich, lautet die Botschaft zu Beginn. Sport im Verein ist die Lösung. Vorbildhaft wird die Sportanlage von TuS Duisburg 48/99 und das Vereinsleben dort gezeigt. Alles wäre gut, wenn es nur noch mehr Betreuer und mehr Plätze gäbe. Dagegen steht Duisburg 08 vor Schwierigkeiten. Den Sportplatz des Vereins beanspruchte in jener Zeit das benachbarte Industriewerk. Der Verein musste umziehen und der Vorstand arbeitete daran, ein neues Gelände zu finden. Das alte Wedaustadion ist bei einem Meisterschaftsspiel der Senioren von 48/99 ebenfalls zu sehen. Der Meidericher SV spielte damals dort bei Auswärtsspielen. In dem Beitrag steckt viel anschauliche Lebenswirklichkeit, die nicht nur für Duisburg und den Sport jenes Jahres gelten.

UPDATE: Bei Facebook merkte Sven Webers m. E. zurecht an, der Bericht könne nicht aus dem Jahr 1965 sein. Ich zitiere ihn: „Der Bericht kann auch nicht von Ende 1965 sein, weil der TuS schon im Sommer 1964 aufgehört hat zu existieren (fusioniert mit DSV zu Eintracht Duisburg) und von der großen Haupttribüne am Wedaustadion, die 1964 eingeweiht wurde noch nicht mal die Baustelle zu sehen ist, und der TuS nach 1963 auch nicht mehr da gespielt hat, sondern 1963/64 erst in Krefeld und dann nach der Fusion als Eintracht im kleinen Stadion (Fugmann-Kampfbahn) nebenan. Der Bericht wird wohl eher von Ende der 1950er Jahre sein (Olympia 1956 wird ja im Film als bereits gewesen erwähnt).“ Womöglich gab es bei der  Jahreszahl des WDR einen Zahlendreher? Intuitiv hatte auch ich zunächst von den 1950er Jahren in meinem letzten Absatz geschrieben, um es nach dem Blick auf das Sendedatum zu korrigieren.

Diana Rigg im Duisburger Delfinarium und in Mülheim

Im September ist die britische Schauspielerin Diana Rigg gestorben. In den 1960er Jahren wurde sie als Emma Peel in der TV-Serie Mit Schirm, Charme und Melone auch in Deutschland zum Star. Was zu einer heute kurios anmutenden Episode in ihrer Schauspielerkarriere führte, die in Mülheim ihren Ausgang nahm. Auch in Duisburg sowie Essen wurden für diesen Zwischenschritt ihrer Karriere Drehorte gefunden.

Zwischen 1965 und 1967 spielte Diana Rigg die Rolle der Emma Peel in der Serie, die im Original The Avengers hieß. Emma Peel war von den Drehbuchautoren als der damals neue Typ einer starken, unabhängigen jungen Frau angelegt. Zweikämpfe gegen Verbrecher gehörten zu ihren leichtesten Übungen. Ihre Griffe und Tritte deuteten asiatische Selbstverteidungskunst an. Die männlichen Angreifer hatten nichts zu gewinnen. Ihre Kleidung, oft enges Leder oder Lycra, betonte die erotische Ausstrahlung der Figur. Diana Rigg wurde deshalb auch zur Mode-Ikone. Emma Peel fiel in der Serienlandschaft jener Zeit auf. Für viele Männer wurde Diana Rigg zum angehimmelten Star.

In Mülheim hatte einer dieser Männer Geld zu investieren. So kam 1968 es zu dem Vorhaben, mit dem britischen Star als Hauptdarstellerin eine Serie von Super 8 Filmen zu fertigen, ein Heimkino-Medium alter Zeiten. Ihre Rolle war angelehnt an jene, mit der sie berühmt wurde, Emma Peel.

Die Angaben zu dem Film finden sich alle auf den verschiedenen Avengers-Fanseiten in Europa. Insofern gibt es keine mit Dokumenten verbürgte Sicherheit. Alles gleicht dem Hörensagen. So ist in einem TV-Forum zu lesen, ein Fleischermeister aus Mülheim habe als glühender Fan von Diana Rigg sehr viel Geld gezahlt, bis sie bereit war, in den Kurzfilmen mitzuwirken. Es war aber immer noch nicht genug für eine Sprechrolle.

Als einer von anscheinend sechs Filmen der Mülheimer „Accentfilm“ entstand „Der goldene Schlüssel“. So weit ich das sehe, ist dieser Kurzfilm nahezu identisch mit jenem, der als The Diadem in schwarz-weiß kursiert. Drehorte waren in Mülheim, das Delfinarium im Duisburger Zoo und laut eines Forenbeitrags auf The Avengers International Fan Forum (nach unten scrollen bis zum 22.11.2019, 3.22 Uhr) Schloss Hugenpoet in Essen. Letzteres erkenne ich nicht, dafür aber den Flughafen Mülheim/Essen.

Besagter User hat die umfangreichste Recherche zu dem Projekt vorgenommen. Seine Recherchen führten ihn zu Berichten aus dem Jahr 1968 in Hamburger Abendblatt und Bravo. Dort heißt es, dass sogar zehn Episoden einer Miniserie geplant waren. Die Dreharbeiten im Ruhrgebiet begannen im September oder frühem Herbst. Erscheinen sollte der Film zur „Photokina Köln“. Auch auf einer französischen Avengers-Seite gibt es Angaben zur Produktion, die sich nicht von den bisher genannten unterscheiden.

Von schwieriger Geschichtsschreibung bei der Ausstellung 100 Jahre Ruhrgebiet

Manchmal zeugen Zufallsbegegnungen von der Bedeutung des Fußballs im Ruhrgebiet. Das war neulich bei der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet – Die andere Metropole“ im Ruhrmuseum auf Zeche Zollverein weniger die Ausstellung selbst als die Spuren von Besuchern des Museums. In der überschaubaren Ausstellung wird das Ruhrgebiet in sieben Segmenten vorgestellt, eines davon nennt sich „Sport- und Veranstaltungsmetropole“. Lassen wir mal die Metropole als wieder einmal viel zu großes Wort für die Gegebenheiten des Ruhrgebiets beiseite.

Oder besser noch, nehmen wir das Wort doch ernst und wenden es an auf den kleinen Nebenraum der Ausstellung mit seinen wenigen Plakaten, von denen zumindest die Rockpalast-Reihe der 80er von kultureller Größe zeugt. Aber der Sport? In einem der Metropolen-Tempel der Konzerte und des Sports, der Gruga-Halle, fand im Januar 1964 ein überraschendes Metropolen-Ereignis statt. Das Teilnehmerfeld mit hochkarätigen Vereinen der Metropole muss die Fußballfans in aller Welt begeistert haben. Oder etwa nicht?

Als ich die einordnende Texttafel zum Stadionbau in diesem Ausstellungssegment las, hatte ich verzweifelte RWE-Fans wohl gerade verpasst. Es war Hand angelegt worden an die Kürzest-Geschichtsschreibung der Ausstellung. Die RWE-Geschichte der 60er fehlte RWE-Fans jedenfalls dort. So wichtig ist der Fußball, und so bedeutsam ist wahrhaftige und argumentativ stimmige Geschichtsschreibung.

Ich kann die Enttäuschung dieser Fans nämlich verstehen. Wenn Bochum dort steht, obwohl der VfL erst 1971 in die Bundesliga aufstieg, kann RWE zurecht auf Gleichberechtigung pochen. Zwar war das in den 1960ern  vorhandene Georg-Melches-Stadion erst wenige Jahre zuvor gebaut worden, doch RWE gehörte bereits in den 1960er Jahren zweimal der Bundesliga an und der Verein profitierte  damals von einem der modernsten Stadien seiner Zeit.

Geschichtsschreibung ist schwierig. Der Anfang des Textes passt wegen der sehr viel späteren Bundesligazugehörigkeit des VfL argumentativ nicht zum Ende, selbst wenn das Stadion dort schon in den 1920er entstanden ist.

Insofern ist es verständlich, wenn RWE-Fans das Augenmerk weniger auf die Begründung für Erfolg legen als auf den Erfolg selbst. Denn Rot-Weiss Essen gehörte schon in den 1960ern der Bundesliga an.

Insgesamt hat mich die Ausstellung übrigens etwas enttäuscht, weil die Ausstellungsinhalte sich zu gut der Hälfte nicht von der Dauerausstellung unterschieden. Dieser Sportbereich findet sich in der Dauerausstellung ebenso in ähnlicher Form wie der andere Kulturbereich. Ich hätte eine engere thematische Bindung an den Regionalverband Ruhr und die Gemeinschaftsbemühungen besser gefunden. Schließlich ist das RVR-Jubiläum Anlass der Ausstellung. Andererseits erhalten Erinnerungen an eigene Lebensgeschichte Futter. Was natürlich auch einen Wert hat.

Zwar ging die Welt davon nicht unter – Premiere am 15.11.

Im Februar und März dieses Jahres habe ich mich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs intensiv beschäftigt. Ich arbeitete an einem Lese- und Hörstück für eine Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 1945, jenem Tag vor 75 Jahren, als mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde der Zweite Weltkrieg in Deutschland beendet war.

Ich las vom Nazi-Terror in den letzten Kriegstagen, der die Deutschen zum Weiterkämpfen zwingen sollte. Ich las von Deutschen, die sich sinnlosen Befehlen widersetzten. In manchen Gemeinden waren es Gruppen von Frauen, die von den lokalen Nazi-Führern das Niederlegen der Waffen verlangten. Der kaum bewaffnete Volkssturm sollte ja in vielen Gemeinden die Alliierten aufhalten. In anderen Orten waren es einzelne Personen, meist Männer, die versuchten, den Kampf unmöglich zu machen. Ich las von den Zufällen, die darüber entschieden, ob dieser Einsatz für einen Waffenstillstand zur sofortigen Exekution führte. Denn den Tod riskierten alle, die sich den Alliierten ergeben wollten. Manchmal gab es nicht einmal ein Standgerichtsverfahren, aber manchmal resignierte ein lokaler Nazi-Führer unerwartet und gab die Diktatur im Lokalen auf. Nichts war vorhersehbar.

Ich befragte aber auch Duisburger zu ihren Erinnerungen an die letzten Kriegstage. Ich hörte vom Kinderleben in einem zerstörten Duisburg. Ich hörte von alltäglicher Todesgefahr und dem Aufwachsen im Nebeneinander vom Spiel auf den Straßen, wo der Blick ein Tag zuvor noch auf Leichen gefallen war.

Ich wollte solche erzählte Geschichte und Historikerstimmen zum Kriegsende zusammenbringen. Allerdings dachte ich auch, für ein bedeutsames Gedenken an das Kriegsende in diesen Tagen reicht es nicht an Gewalt und Folgen des Nationalsozialism zu erinnern. Es reicht nicht, daran zu erinnern, dass die Nationalsozialisten lange Zeit auf eine breite Zustimmung unter der deutschen Bevölkerung zählen konnten. Es reicht nicht daran zu erinnern, dass für das durch den Krieg erlittene Leid bei demokratischen Wahlen die Grundlage gelegt wurde. Ich wollte meinen Blick auch auf die Zeit vor 1933 werfen, in der die NSDAP für viele Deutsche zur Partei ihrer Wahl wurde. Ich wollte zeigen, was die Erfahrungen der Jahre zwischen 1929 und 1933 mit unserer Gegenwart zu tun hat, in der Rechtsextreme und national-autoritär gesinnte Politiker selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftreten und Gehör finden.

Dann kam Corona, und die Veranstaltung musste abgesagt werden. Sie wurde auf ein unbestimmtes Datum verlegt in den Herbst. Ich unterbrach meine Arbeit, weil ein Buch mit einem anderen Thema eher fertig sein musste als das Manuskript für die Veranstaltung. Vor etwa sechs Wochen habe ich die Arbeit am Manuskript wieder aufgenommen. Das Stück ist nun fertig. Es hat am 15. November in Ruhrort seine Premiere. Ich freue mich darauf.