Smog im Ruhrgebiet 1973

Der 1973 ausgestrahlte TV-Film Smog von Wolfgang Menge zeigt als Katastrophenthriller die Folgen der Luftverschmutzung im Ruhrgebiet. Menschen sterben, Verantwortliche sind überfordert, niemand im Ruhrgebiet kann der Gefahr der lebensbedrohlichen Luft entgehen. Dennoch geht das Leben weiter. Ein Fußballspiel im Duisburger Wedaustadion findet statt – im Film unten beginnt es ab Minute 26.45. Der MSV Duisburg spielt gegen Borussia Dortmund, und plötzlich sinkt am rechten Flügel ein Spieler der Zebras mit Atemnot zu Boden.

Bernard Dietz zeigt schon damals jenes schauspielerische Können, das heute für viele Fußballer die Regel ist. Damals allerdings wird kein Foulspiel gepfiffen, sondern es herrscht Entsetzen. Eine Trage für „Ennatz“ muss her. Das Spiel wird abgebrochen. Die Lage wird immer bedrohlicher.

Angesichts der Produktionsbedingungen von Fernsehfilmen heute beeindruckt der Aufwand, mit dem dieser TV-Film damals gedreht wurde. Durch die vielen Szenen aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets erhält die Fiktion der Smogkatastrophe einen dokumentarischen Charakter.

Der Film thematisiert zudem den medialen Umgang mit der Katastrophe. Auch damit wird er gleichsam zur vorhersagenden Dokumentation jenes Jahres 1985, in dem im Januar tatsächlich Smogalarm der Stufe III ausgerufen wird. Der Wirklichkeit 1985 fehlt die Zuspitzung zur Katastrophe. Es fehlt die fiktionale Verdichtung des Geschehens zur Vergiftung, also der schnell auftretenden gesundheitlichen Gefährdung, mit der im Film die Luftverschmutzung immer wieder bebildert wird. Langsam ablaufende Prozesse entgehen der sinnlichen Wahrnehmung und müssen dem Bewusstsein vermittelt werden. Der Klimawandel mit seinen Folgen verweist  heute täglich darauf.

 

 

 

Advertisements

Die Duisburger Stadtmeisterschaft im Fußball 1946

Der Fußball organisierte sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs recht schnell wieder und half dabei, Normalität des Alltags in den Besatzungszonen wieder herzustellen. Der sportliche Wettbewerb konnte diesen beginnnenden Alltag rhythmisieren. So wurde in Duisburg schon für die Saison 1945/1946 ein Stadtmeister ausgespielt.

Auf der der Historie des Duisburger Spielvereins gewidmeten Seite im Netz finden sich grundlegende Informationen zu dem Wettbewerb und Bemerkungen zu dem Finale, das in Hin- und Rückspiel im Mai 1946 zwischen dem Meidericher Spielverein und dem Duisburger Spielverein ausgetragen wurde.

Beide Vereine qualifizierten sich über Gruppenpiele für das Finale. Die Ruhr bildete dabei die Grenze für eine Süd- und Nordgruppe, in die die teilnehmenden Fußballvereine Duisburgs eingeteilt wurden. Im Süden spielten Duisburger SV, VfL Hüttenheim, TuS Duisburg 48/99, VfL Wedau, Duisburger FV 08, Duisburger SC 1900, Kaßlerfelder BC, TuRa 88 Duisburg, SV Wanheim 1900, SV Neuenkamp, Viktoria Buchholz und DSC Blau-Weiß 01.

Im Norden starteten Meidericher SV, SV Hamborn 07, SV Union Hamborn, SV Beeckerwerth, VfVB Ruhrort/Laar, SV Westende Hamborn, Gelb-Weiß Hamborn, Sportfreunde Hamborn 20, SV Laar 21, SV Hamborn 90, Grün-Weiß Beeck und Schwarz-Weiß Hamborn.

Das Hinspiel des Finales gewann der Meidericher SV mit 5:1 vor 12.000 Zuschauern an der Westender Straße. Der Sieg fiel laut vom DSV-Historiker zitierten Beobachter zu hoch aus: „Während dem Gegner einfach alles glückte, gelang unserer Mannschaft gar nichts. Wenn Meiderich auch besser war, so ist das Resultat viel zu hoch. 1:2 oder 2:3 wäre gerechtfertigt gewesen.“ Das Rückspiel gewann der DSV mit 1:0. Durch das bessere Torverhältnis war der Meidericher SV der erste Stadtmeister Duisburgs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Man beachte die Ehrenpreise, Ölgemälde einer Industrielandschaft, die wertvoll (!) gewesen sind. Die Zeitungsauschnitte habe ich ohne Quellenangabe und Veröffentlichungsdatum erhalten.

Ein Radiogespräch beim Bürgerfunk Moers

Anfang November war ich bei Helmut Hahues vom Bürgerfunk Moers zu Gast und habe mich mit ihm über meine Arbeit unterhalten. Es war mein persönliches Vorprogramm zu dem Heimspiel des MSV gegen den SC Paderborn, wie auf dem Foto unten leicht zu erkennen ist. Gutes Gespräch, gutes Spiel: Der Heimsieg folgte als Hauptprogramm.

Am 11. November wurde das Gespräch dann gesendet, bei dem wir uns zunächst über meine Fußballbuchprojekte unterhalten en haben, über 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und über Mehr als Fußball, kamen wir auf die Geschichte des Ruhrgebiets zu sprechen. Dabei hatte ich auch die Gelegenheit einen Text aus 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen zu lesen, jenen Text über die „Zeche Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort, ab Minute 12.35.

Und was die Bücher angeht, bleibt noch das Stichwort Weihnachtsgeschenke. Die Fußballorte im Ruhrgebiete gibt es zusammen mit Mehr als Fußball für 20 Euro statt früher knapp 30 Euro. Die Fußballorte alleine kosten 8,90 Euro statt früher 14,95 Euro. Mehr als Fußball alleine kostet 14,90 Euro. Einfach oben klicken und bestellen. Wenn ihr in Duisburg oder näherer Umgebung wohnt, bringe ich die Bücher auf meinen Wegen durch die Stadt vorbei, sonst kommt Versand noch hinzu.

Der Alltag im Krieg war ja normal – Die Botschaft am Volkstrauertag: Nie wieder!

Zum gestrigen Volkstrauertag gab es im Ruhrorter Gemeindehaus eine Gedenkveranstaltung, bei der persönliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg vorgetragen wurden. Nie wieder Krieg, da waren sich die Erinnernden einig.

Im Folgenden stelle ich die Erinnerungen von Renate K.-K., Jahrgang 1934, online.

Der Alltag im Krieg war ja normal. Dass es fürchterlich war, habe ich gar nicht so empfunden. Als die ersten Bomben fielen, war das schön für uns, so wie das am Himmel ausgesehen hat. Wir standen bei uns auf der Straße. Ich glaube, mein Vater war sogar dabei. Ich weiß nicht mehr. Der war noch gar nicht eingezogen worden. Meine Mutter sagte immer: „Guck mal, wie schön. Wie schön das aussieht.“ Auf einmal gab es einen unglaublichen Knall. An der Hütte war es eingeschlagen, hinten an der Kronprinzenstraße, an dem Sportplatz. Am nächsten Tag wussten wir dann, was los war. Von da an gab es regelmäßig Bombenalarm.

Erst gab es Voralarm. Dann gab es Vollalarm. Das war natürlich nicht mehr normal, wenn die Sirenen losgingen. Ich habe immer im dicken Trainingsanzug im Bett gelegen. Und neben dem Bett standen zwei Taschen. Beim Voralarm war ich sofort wach. Ich habe die Taschen genommen und bin in den Keller gegangen. Da hatte ich dann so eine Art Sessel. Heute hat man so Sessel für den Garten im Sommer. Da lag ein Kissen und ein Oberbett drin. Damit konnte mich zudecken. So haben wir gewartet, bis der Alarm vorbei war. Damals hatte ich sehr, sehr viele Mittelohrentzündungen. Ich denke wegen des kalten Kellers. Dadurch habe ich dann sehr viele unangenehme Erinnerungen an diesen Keller. Ich habe heute immer noch schnell Schwierigkeiten mit den Ohren. Ich hatte auch immer Angst, wenn wir in den Keller mussten.

Ein einziges Mal nur war ich im Bunker. Der stand unten an der Vohwinkelstraße. Das war ja ein ganzes Stück von uns aus zu laufen. Der andere Bunker war auf der anderen Seite, auf der Herwarthstraße. Der war noch weiter weg. Wir hatten Glück. Wir wären alle weggewesen, wenn da eine Bombe drauf gefallen wäre. So ist das ja später gekommen.

Irgendwann gab es dann keinen Schulunterricht mehr. Warum ich in der Zeit nicht zur Kinderlandverschickung kam, weiß ich nicht. Mein Vater sagte immer sehr schnell, das kommt nicht in Frage. Ich weiß es nicht. Ich bin dann mit meiner Mutter nach Kirchen, wo Verwandte wohnten. Da sind wir dann wochenlang geblieben und zwischendurch immer wieder auch zurück nach Duisburg gefahren. Ich weiß gar nicht, warum wir nach Duisburg zurückgefahren sind. Von jetzt auf gleich sagte meine Mutter: „Wir fahren nach Hause“. Dann waren wir zu Hause, da hieß es: „Wir fahren nach Kirchen.“

In Kirchen habe ich erst mit meiner Mutter und meiner Tante zusammen in einem Zimmer gelebt. Das war das Haus von einer Schwester von einem angeheirateten Großonkel. Später ist Tante Friede bei einer anderen Schwester untergekommen. Wenn wir da in Kirchen waren, habe ich es gar nicht mehr wahrgenommen, dass Krieg war.

Außer wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel sind wir nach Betzdorf gelaufen, um einzukaufen, da mussten wir immer auf Tiefflieger aufpassen. Einmal sind wir auf dem Weg gewesen, und da hat meine Mutter geschrien: „Schmeiß dich hin, schmeiß dich hin. Da kommt ein Tiefflieger.“ Ich hatte den noch gar nicht gesehen. Wir schmissen uns ins Gebüsch, damit der uns nicht sah. Denn sobald der uns gesehen hätte, wären wir ein Ziel für den gewesen. Für mich war das richtig schön, wenn wir uns so versteckten und wenn wir uns hinschmeißen mussten. Das war so aufregend. Meine Mutter hat dann immer gesagt: „Nicht bewegen.“ Oder: „Bleib still liegen“.

Schulunterricht gab es in Kirchen nicht. Irgendwann musste ich immer nach oben in eine Straße, wo meine Tante wohnte, und in der Straße haben wir dann bei den Leuten im Wohnzimmer gesessen. Aber gemacht wurde nichts. Dort haben wir gemalt, und das war dann Schule in der Zeit.

Im Oktober 1944 waren wir zurück in Duisburg und meine Mutter wollte von dort nach Grünstadt fahren, wo mein Vater stationiert war. Ich bin nach Grünstadt mitgefahren, weil meine Oma nicht wollte, dass ich bei ihr blieb. Meine Mutter war tödlich beleidigt, dass ihre Mutter mich nicht genommen hat. Sie fuhr wortlos weg. Sie hat sich nicht von ihrer Mutter verabschiedet. Sie hatte ja deshalb noch extra in Duisburg eine Erlaubnis holen müssen, dass ich mitfahren durfte.

In Grünstadt haben wir kurz nach unserer Ankunft ein Telegramm gekriegt. „Total bombengeschädigt. Mutter tot.“ Aber welche Mutter stand nicht dabei. Mein Vater bekam Sonderurlaub und durfte mit nach Duisburg fahren. Je näher wir nach Duisburg kamen, hat meine Mutter immer gesagt: „Das ist meine Mutter.“ Und mein Vater: „Nee, deine Mutter bestimmt nicht. Meine muss doch immer mit der Nase überall dabei sein. Das war bestimmt die.“

Auf der Fahrt ist mir doch ein bisschen komisch gewesen. Aber ich habe keine Angst gehabt oder Panik. Als wir in Duisburg am Bahnhof waren, fand ich das sogar lustig. Denn im Zug hatte meine Mutter gesagt: „Reinhold, in Duisburg müssen wir uns beeilen, damit wir die Straßenbahn kriegen.“ So haben wir uns beeilt, um aus dem Bahnhof zu kommen. Doch an der Haltestelle kam nichts. Ich habe mich so amüsiert, dass meine Mutter sich so aufregte. „Warum ist denn keine Straßenbahn da? Dann müssen wir jetzt nach Hause laufen. Von Duisburg nach Meiderich. Das ist doch lange. Das schaffen wir doch gar nicht.“

Je weiter wir dann gelaufen sind, desto schockierter war meine Mutter. Sie war vollkommen fertig. Wir wusste ja nicht, was uns erwartete.

Um nach Meiderich zu kommen, mussten wir über die Hängebrücke gehen, die über die Ruhr führte. Das war eine Katastrophe für mich. Für meine Mutter auch, die hatte die gleiche Angst wie ich. An meinen Vater kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Was der gemacht hat, das weiß ich nicht mehr. Ich hatte fürchterliche Angst darüber zu gehen. Wie das gewackelt hat. Zwischen den Brettern durch konnte man runter aufs Wasser sehen. Ich hatte Angst dadurch zu rutschen und ins Wasser zu fallen. Das war furchtbar. Das war wirklich furchtbar. Als ich auf der anderen Seite wieder auf dem Rasen stand, war ich heilfroh.

Dann gingen wir über die Chaussee nach Hause. Überall waren  Bombentrichter und kaputte Häuser. Das war nicht mehr zum Lachen. An der Kronprinzenstraße, an der Hütte war alles weg, alle Häuser waren einfach weg. Wir konnten schon von der Kronprinzenstraße rübergucken zu uns und meine Mutter rief: „Reinhold, nichts ist mehr da. Nichts steht mehr.“

Als wir um die Ecke bogen zur Bergstraße, muss meine Großmutter wohl gehört haben, wie meine Mutter geschrien und gejammert hat. Dann kam die Mutter meines Vaters raus, und da wusste meine Mutter, dass ihre Mutter bei dem Bombenangriff gestorben war.

Meine Mutter hatte sich ja von meiner Großmutter nicht verabschiedet. Sie hatte ja nicht verstehen können, dass meine Großmutter sagte: „In dieser Zeit nehme ich Renate nicht.“ Dafür hatte sie kein Verständnis gehabt. Was sollte mir schon bei ihr passieren in Duisburg? Das kam noch hinzu, nun konnte sie kein Wort mehr mit ihrer Mutter sprechen. Das habe ich hautnah mit meinen zehn Jahren erlebt.

Nachher auf dem Friedhof hat mich das auch alles sehr geschockt. Meine Großmutter war schon beigesetzt. Wir sind zum Friedhof gegangen, und als wir oben auf den Friedhof kamen, weiß ich nicht, wie viel Särge da standen, aufeinander, nebeneinander, in Holzverschlägen. Das hat mich richtig erschüttert.

In den Tagen damals schellte mein Vater auch mal, meine Mutter und ich sollten runterkommen. Da stand mein Vater mit einem Mann und der wollte auf unserer Beerdigung gewesen sein, der von meiner Mutter und mir. Ich weiß nicht, wer das war. Der stand da und sagte immer wieder: „Das kann doch nicht wahr sein. Ich hab euch doch beerdigt. Ich war zu eurer Beerdigung.“
Und mein Vater immer wieder zwischendurch: „Aber du siehsse doch. Das kann ja nicht. Sie sind ja hier.“
Solche Gespräche gab es.

Wo wir gewohnt haben, da war nichts von über geblieben. Eine Bombe war aufs Haus gefallen. Das Nebenhaus war abgebrannt, und der Brand hat dann auch noch übergegriffen bei uns. Mein Großvater hat meine Oma nur an den Pantoffeln erkannt, die sie anhatte, weil sie sonst ganz verbrannt war. Der hat nur die Pantoffeln erkannt.

Das habe ich natürlich alles nur gehört, als meine Mutter und Onkel Hans, das war ihr Bruder, sich unterhalten haben. Es hatte auch noch so ein Theater mit dem Sarg gegegeben. Mein Großvater war wohl zu dem Sarggeschäft gegangen, und die rückten keine Särge mehr raus, obwohl so viele Särge bei denen standen. Mein Großvater konnte sehr unangenehm sein. Das kann ich mir gut vorstellen, warum der dann doch einen Sarg bekommen hat. Dann hat er in den Sarg meine Großmutter reinlegen lassen. Das war in Mittelmeiderich in der Kirche. Als er sie dann beerdigen wollte, schaute er nach, und dann lag die da gar nicht mehr drin. Eine andere Tote lag in dem Sarg. Das war gar nicht meine Oma. Ich weiß auch nicht, wer da jetzt in dem Grab liegt.

Zu Hause ist nie darüber gesprochen worden, dass es mich nicht gäbe, wenn meine Oma mich bei sich behalten hätte. Dann wäre ich nur zehn Jahre alt geworden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeiner mal was dazu gesagt hat. Daran habe ich auch nicht gedacht, als ich größer wurde. Jetzt, als älterer Mensch, ist mir das so richtig bewusst geworden. Ich habe gedacht, das kann nicht wahr sein. Da verdankst du der Oma dein Leben. Ich sehe die immer mit nackten Füßen putzen, und die hat viel geputzt. Sie hatte auch so einen schönen Garten  mit wunderbaren, schönen Erdbeeren immer. Sie hatte so ein Dreirad, hinten ein Rad und vorne zwei. Ich habe auch viel bei ihr auf der Straße gespielt, als sie noch etwas weiter von uns wegwohnte. Die hatte da sehr schön gewohnt.

Ich weiß auch noch ganz genau, wie mein Cousin 1944 in Kirchen geboren wurde.
„Lauf mal ganz schnell zu Frau Freise“, das hatten sie zu mir gesagt. Ich weiß den Namen noch von der Hebamme.
Zusammen gingen wir dann zurück, und ich habe gewartet. Dann kam Frau Freise raus aus dem Schlafzimmer und sagte: „Ich hab’ noch keine Lust.“
Und ich stehe da, ein zehnjähriges Mädchen, und frage mich. „Warum hat die keine Lust?
Hat die Tante Friede jetzt das Baby?“
Ich hatte doch keine Vorstellung davon, was die Frau Freise macht und wo das Kind auf einmal her kommt.
Dann musste ich sie ein zweites Mal holen. Da war sie nicht da. Ihre Tochter sagte zu mir: „Meine Mutter ist im Nachbardorf“.
Und ich sagte: „Aber die muss kommen.“
Dann sagte sie: „Dann muss ich anrufen.“
Ich war total überrascht: „Haben Sie ein Telefon?“
„Ja, sicher“, sagte sie, „wir müssen doch ein Telefon haben.“
Ich ging zurück und erzählte: „Frau Freise ist nicht da.“
Die Schwester von Onkel Walter bekam Zustände. Die wusste doch nicht, was sie machen sollte. Schließlich kam Frau Freise doch. Sie ging in das Schlafzimmer, kam nach einiger Zeit wieder raus und gab mir den Rainer in den Arm.
Ich habe gedacht, wo hat die denn den gehabt? Den hat die doch gar nicht mitgebracht.
Es hat mir auch keiner erklärt, was da geschehen ist.

Wir waren auch in Kirchen, als die Amerikaner mit ihren Panzern eingezogen sind. Die waren so freundlich. Die haben allen Kindern Kaugummi gegeben. Wir hatten keine Angst. Plötzlich war alles anders, nicht mehr so wie vorher, als wir uns vor den Tiefflieger in Sicherheit bringen mussten.

Lesetipp: Eine Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945

In den Jahren 2016 und 2017 verbrachte der ehemalige Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl einige Zeit im Ruhrgebiet. Er wollte diese Städteregion näher kennenlernen. Er wollte die spezielle Entwicklung der Industrieregion begreifen und die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets nachvollziehen. Er sprach mit Politikern und Unternehmern, mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Er sprach mit den Menschen vor Ort, die das Ruhrgebiet beobachten, über dessen Eigenheiten nachdenken und die Wirklichkeit dort gestalten.

Der fremde Blick macht frei für Erkenntnis. So schrieb er mit „Groß denken, groß handeln“ nach seiner Recherche ein Buch, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 als von Menschen gestalteter Prozess deutlich wird. Von Schwierigkeiten und Hemmnissen des steten Strukturwandels im Ruhrgebiet war schon oft zu lesen. Seinen besonderen Zugang findet nun Gerhard Spörl, indem er sein Augenmerk auf Entscheider mit ihren Vorstellungen und Interessen innerhalb des geschichtlichen Verlaufs legt. Unternehmerisches und politisches Handeln nimmt er beim Strukturwandel etwa als wechselseitig sich bedingende Einflussgrößen detailliert in den Blick.

Den Strukturwandel macht er dadurch zu einer spannenden Wirtschaftsgeschichte. Nachdem er das Entstehen des Ruhrgebiets grob skizziert hat, gleicht das Buch einer langen Reportage. Ob es um die Mentalität im Ruhrgebiet geht in Adolf Winkelsmanns Filmen oder Frank Goosens Literatur, ob Politikerangst vor Arbeiteraufständen beschrieben wird oder die von Paul Mikat angestoßene Entwicklung der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet, immer ist der Ausgangspunkt seine Erzählens der Mensch des Ruhrgebiets im Miniporträt.

So wird aus der Ruhrgebietsgeschichte mit dem Blick auf den Ausstieg aus der Kohleförderung fast schon eine Managerbiografie von Werner Müller, der unlägst wegen seiner schweren Erkrankung als Chef der RAG-Stiftung hat zurücktreten müssen. Gerhard Spörl zeigt, wie er als Einzelgänger in der Energiebranche sich mit seinen Ideen zu einem sozial verträglichen Strukturwandel hat durchsetzen können. Spannend enfaltet Spörl den vielstufigen Weg der Veränderung in den Energie-Unternehmen, von denen die wirtschaftliche Lage im Ruhrgebiet abhängig war. Je nach Situation wurden Netzwerke geknüpft als Koalitionen der Macht. Die Beteiligten taktierten, Müller verlor scheinbar, um schließlich unerwartet zum richtigen Zeitpunkt dennoch wieder Rückwind zu bekommen.

Werner Spörl ist dem Ruhrgebiet sehr nahe gekommen. Mit seinem Blick von außen hält er trotz aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein wiedererstarktes Ruhrgebiet für möglich. Mit dem Abstand werden Stärken und neues Denken sichtbarer als in den Städten des Ruhrgebiets selbst.

Groß denken, groß handeln

Gerhard Spörl
Groß denken, groß handeln
Piper Verlag
Hardcover, 320 Seiten
€ 22,00

EAN 978-3-492-05849-0

In eigener Sache: Schmuddelkind Pott – Ein Programm zur Geschichte des Ruhrgebiets

Am Freitag, den 8. Juni, bin ich ab 19.30 Uhr in der Neudorfer Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch. Eintritt 5 Euro, Knabbereien und Getränke inklusive. Wir sehen uns, bei Tausendundein Buch, Oststraße 125, Duisburg.

 

 

Als das Schmuddelkind Pott erwachsen wurde

Nein, das Ullige bekommt keinen Namen. Wo kommen wir denn dahin? Nachher stellt es noch Ansprüche. Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Es war eine stürmische Zeit. Erst die ungeplante Schwangerschaft und dann das wilde Aufwachsen. Doch schließlich ließ sich das Schmuddelkind einfach nicht mehr übersehen. Ruhrgebiet wurde es irgendwann genannt. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Seinen Ruf hat diese Bedeutung aber nur in einer Hinsicht aufpoliert. Trotz aller Erfolge haben es Schmuddelkinder schwer, wenn bei ihnen vieles nicht so ist, wie es die Menschen gewöhnt sind. Zudem dieser ungeheure Schmutz in der Luft!

Noch in den 1960er Jahren hieß es: Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs im Ruhrgebiet niemand auf. Heute ist der Dreck auf den Straßen verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und die Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich immer wieder, wer sie eigentlich sind.

Ralf Koss lädt ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Kleinstädte, Dörfer und Hansestädte wuchsen zusammen, doch der Blick auf die Industrie lässt oft Teile des Lebenslaufs außer Acht, die überraschen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

 

 

Unsere geprägten Leben

In Duisburg leben Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte, die den Krieg aus eigener Erfahrung kennen. Die älteren Duisburger haben als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt. Duisburger im mittleren Alter wissen vom Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zu berichten. Noch jünger sind oft jene Menschen, die vor dem gegenwärtigen Syrienkrieg flohen. Für die 39. Duisburger Akzente hatte ich ein mehrstimmiges Lesestück konzipiert, das die verschiedenen Erinnerungen in einen Dialog brachte.

Ein Bericht über den Abend findet sich in den Zeitungen der Funke-Gruppe.

Der Zweite Weltkrieg wirkte noch in mein Leben hinein. So hatte ich für meine Generation auch eine Stimme vorgesehen.

Unsere geprägten Leben I

Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang. Ich bin zu jung, um den Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben und dennoch trage auch ich diesen Krieg in meinem Körper durch das Leben, gleichwohl nur als lichtes Abbild einer wirklichen Erfahrung.

Wenn Menschen träumen, unterscheidet sich die beobachtbare Aktivität der Hirnregionen für Wahrnehmungen nicht von denen beim Erleben im Wachzustand. Im Gehirn entsteht Wirklichkeit. Ich habe diesen Krieg geträumt, den meine Eltern als Kinder erlebt haben und den der eine Großvater als Soldat erlebte. Ich habe diesen Krieg geträumt, in dem Menschen ausgebombt gewesen sind.  Ausgebombt. Ausgebombt wie die Familie meiner Mutter, deren Großmutter sich in dem Haus aufgehalten hatte, das bei dem immer so genannten Großen Angriff auf Duisburg von einer Fliegerbombe vollkommen zerstört wurde. Ein Foto-Portrait von ihr hing im Wohnzimmer meiner Großeltern. Wenn ich es sah, sah ich zugleich die Trümmer eines Hauses. Ihr Grab hat unsere Familie regelmäßig besucht. Es war eines von unzähligen gleichförmigen Kriegsgräbern auf dem Friedhof Bügelstraße in Obermeiderich. Ich habe diesen Krieg geträumt, der den anderen Großeltern den ältesten Sohn nahm, von dem es hieß, er habe sich gegen den Willen seines Vaters freiwillig zur Luftwaffe gemeldet, um 1942 herum, mitten im Krieg, mit 17 oder 18 Jahren. Eine ME 109 hat er schließlich geflogen und über Frankreich stürzte er mit seinem Flugzeug nach einem feindlichen Treffer 1944 ab.

Über Jahre habe ich diesen Krieg als Kind geträumt. Immer wieder. Immer wieder stand ich an einem Fenster und sah auf die brennenden Straßen meiner Stadt. Immer wieder flogen wendige Sturzkampfflugzeuge heran und feuerten Maschinengewehrsalven über die Straße, ohne dass ich dort Menschen sah. Immer wieder stürzten die Mauern des Hauses hinter mir ein, und ich verlor den Boden unter den Füßen.

Ein anderer Traum: Ich renne durch Straßen voller Trümmer. Häuser sind nur noch Ruinen. Ich muss flüchten vor dem Feind, den ich nicht sehe, den ich nicht kenne, von dem ich aber weiß, er wird kommen. Ich muss über Trümmerberge klettern, komme ins Rutschen, renne weiter, stolper. Schüsse fallen. Ich weiß nicht woher und bin erleichtert, dass die Kugeln weit an mir vorbeifliegen. Irgendwann treffe ich auf Menschen und fühle mich gerettet. Ich weiß nicht mehr, wann diese Alpträume aufhörten.

Auf den Straßen waren in den 1960er Jahren noch die Kriegsversehrten in großer Zahl zu sehen. Oft hatten sie nur noch ein Bein. Über den Oberschenkelstumpf war dann das eine Hosenbein ordentlich nach oben gefaltet und angeklammert. Als Kind von fünf oder sechs Jahren musste ich dieses nicht vorhandene Bein anstarren und wusste genau, dass man das nicht macht.

Manche Kriegsversehrte bettelten am Straßenrand. Wenn wir an ihnen vorbei gingen, hielt meine Mutter kurz an und drückte mir zehn Pfennig in die Hand. Ich rannte die zwei, drei Meter zu dem Kriegsversehrten hin und legte ihm den Groschen in seine Mütze, in der schon andere Münzen lagen. Jedes Mal war ich etwas aufgeregt. Es war eins der besonderen Ereignisse, wenn ich mit meiner Mutter nach Duisburg fuhr, in die Stadt. Als besonderes Ereignis glich das dem Kauf eines Eises oder dem Vorbeigehen an den Auslagen von Spielwarengeschäften. Die Männer bedankten sich, ich lief zurück und freute mich auf das nächste Mal.

Einige der Kriegsversehrten fuhren in dreirädrigen, lang gezogenen Rollwagen durch die Stadt. Es waren Liegeräder in der Form vergleichbar mit manchen Kinderwagen, die es heute gibt. An den seitlichen zwei Rädern waren Stangen befestigt, mit denen die Wagen per Armkraft angetrieben werden konnten. Über den vorderen Teil des Wagens lag meist eine schwarze wasserabweisende Plane. Die Männer in diesen Rollwagen waren schnell unterwegs. Mich faszinierten diese Wagen. Ich stellte mir vor, wie rasant ich mit so einem Wagen fahren könnte. Allerdings musste ich dabei  die unangenehmen Erinnerungen beiseite schieben, wie mühsam die Männer aus diesen Wagen nur aussteigen konnten. Auch diese Männer hatten ein Bein verloren oder waren gar gelähmt.

So war der Zweite Weltkrieg 20 Jahre nach Kriegsende in den 1960er Jahren für ein Duisburger Kind sehr gegenwärtig. An den Fassaden waren noch Hinweise auf Luftschutzkeller zu finden. Auf Geburtstagen der Familie wurde immer wieder auch über die Kriegszeit erzählt.

Der Schrecken des Krieges hatte dabei keinen Platz. Der Schrecken des Krieges entstand in meinem Kopf. Doch der wirklich wirkliche Krieg ist schrecklicher als jeder geträumte wirkliche Krieg. Wer Krieg wirklich erlebt hat, spürt ihn im Körper sehr viel deutlicher als ich es jemals in meinem Leben. Spürt ihn als Widerwille bei Gerüchen, spürt ihn als Reaktion bei Geräuschen, spürt ihn als wieder kommenden Schmerz. Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang.