Der Generalfeldmarschall im Ruhrkessel – Geschichtsschreibung vs. Erinnerung

Einer der 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen befindet sich im Stadtwald Duisburg. Dort, in Nähe der Stadtgrenze zu Lintorf, erschoss sich am 21. April 1945 der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B der deutschen Wehrmacht, Generalfeldmarschall Walter Model, als er den Kampf gegen die Alliierten um das Ruhrgebiet verloren geben musste. Mit diesem Ort reißen wir  die Geschichte des „Ruhrkessels“ an.

Bei der Wertung von Walter Models Handeln folgten wir den Forschungsergebnissen des Militärhistorikers Manfred Messerschmidt, der von 1970 bis 1988 Leitender Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamts in Freiburg war. Dieses Amt befindet sich heute in Potsdam.  In einem Artikel für DIE ZEIT hat Manfed Messerschmidt im Jahr 2005 seine Forschungsergebnisse über die letzte Kriegszeit im Ruhrgebiet zusammengefasst. Er beschreibt in diesem Artikel Walter Model als einen von der nationalsozialistischen Ideologie überzeugten Menschen, der noch im März 1945 Terrormaßnahmen duldete, um den Gehorsam der Soldaten zu erzwingen. Als Beleg zitierte Messerschmidt Walter Models Begründung für die schlechte militärische Lage der Wehrmacht:

 „Unter dem Druck der Kriegsereignisse zeigt sich, daß noch immer weite Kreise des deutschen Volkes und damit auch der Truppe vom jüdischen und demokratischen Gift der materialistischen Denkweise verseucht sind.“ Aber das Vorbild des Offiziers wirke Wunder. Er müsse noch den letzten Grenadier zum fanatischen Kämpfer für Deutschlands Zukunft formen und so den Endsieg sichern. „Der Sieg der nationalsozialistischen Idee steht außer Zweifel, die Entscheidung liegt in unserer Hand.“

Die Zeit, Nr. 14/2005

Im selben Jahr wie Messerschmidts ZEIT-Artikel erscheint im Siedler Verlag mit In Europa ein viel gerühmtes Sachbuch des Niederländers Geert Mak. Erst kürzlich habe ich es gelesen. Geert Mak schildert in ihm anhand der Stationen einer einjährigen Europareise die für den Kontinent bedeutsame Geschichte. Gespräche mit Zeitzeugen ermöglichen ihm dabei seine Perspektive sehr variabel zu verändern. Ihm gelingt es die Historie als erlebtes Geschehen einzufangen und gleichzeitig die klassische Geschichtsschreibung nicht aus dem Blick zu verlieren. In Europa ist tatsächlich ein sehr beeindruckendes Buch.

In diesem Buch bin ich nun erneut Walter Model begegnet. Auch Geert Mak portraitiert ihn, wenn auch in aller Kürze. Da Geert Mak in diesem Buch Hubertus Behr, den Adjudanten von Walter Model der letzten Kriegsmonate, in eigenen Worten, ein ganzes Kapitel lang, zu Wort kommen lässt, nehme ich an, seine Wertung fußt auf dessen Auskünften. Bei Wikipedia findet sich ein Eintrag zur Biografie von Hubertus Behr, der im hohen Alter auch in anderen Medien ein gefragter Zeitzeuge war.

Winfried Behr diente während der letzten Kriegsmonate unter Feldmarschall Walter Model, einem typischen deutschen Offizier, der das Credo „Soldaten haben sich von Politik fernzuhalten“ mit äußerster Konsequenz befolgt hatte. Am 21. April 1945 waren sie in einem Wald, die Amerikaner lagen in nächster Nähe. Model sagte: „Ich verlasse diesen Wald nicht mit erhobenen Händen, wo Tausende meiner Soldaten gefallen sind.“ Er schickte Behr unter dem Vorwand fort, er solle die Umgebung erkunden. „Als ich zurückkam, hatte er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Am gleichen Tag bin ich zusammen mit einem Kameraden in Zivilkleidung entkommen.

Geert Mak: In Europa, Siedler Verlag 2005, S. 632

Zwei gegensätzliche Bilder von Walter Model werden 2005 in den Raum gestellt und verweisen auf die Uneindeutigkeit von historischer Wahrheit. Die Geschichtsschreibung mit dem Verweis auf Dokumente steht erst seitdem gegen das zuvor vor allem von persönlicher Erinnerung geprägte historische Bild von Walter Model.

 

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