Lese- und Hörstück zur Erinnerungskultur – Zwar ging davon die Welt nicht unter

Die Ruhrorter Rheinbrücke im März 1945

„Zwar ging davon die Welt nicht unter“ heißt das Lese- und Hörstück, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Ich suchte nach Wegen, ein formelhaftes Gedenken an das Kriegsende zu verändern. Dieses Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs braucht erweiterte Ausdrucksformen.

Es gibt kaum mehr Zeitzeugen, und die lange Jahre einvernehmliche Deutung des Kriegsendes wird inzwischen öffentlich immer wieder bestritten. So habe ich dieses Ringen um Deutung in das Zentrum meines Stückes gestellt. Corona hat die Premiere bislang verhindert. Nun findet sie am 10. April um 16 Uhr in Ruhrort statt. Zwei Jahre nach dem Entstehen macht Wladimir Putins Befehl zum Überfall auf die Ukraine aus einem Hörstück zur Erinnerungskultur einen Protest gegen den Krieg.

Die Programmankündigung gibt den einen Vorgeschmack.

Zwar ging die Welt davon nicht unter

Wladimir Putins Befehl zum Überfall auf die Ukraine macht aus einem Hörstück zur Erinnerungskultur einen Protest gegen den Krieg. Zwei Jahre lang hat Corona die Premiere verhindert. Nun erhält es durch die geteilten Erinnerungen an das Leid durch Kriege eine aktuelle Bedeutung.

Der Krieg in Europa ist wieder Gegenwart geworden. Auch wenn deshalb die Debatten um die deutsche Erinnerungskultur in den Hintergrund gerückt sind, im Zuspruch zu Wladiminir Putins Handeln machen sie sich in verkleideter Form bemerkbar. Schon länger fanden Politiker Unterstützung, die historische Wahrheiten über Bedingungen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur klein redeten. Deutsche sahen sich wieder vor die Entscheidung gestellt, ob der 8. Mai ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Niederlage ist.

Mit einem vielstimmigen Hörstück sucht Ralf Koss nach Möglichkeiten des Gedenkens an das Kriegsende. Die heile Schlagerwelt der Nazizeit untermalt die Erinnerungen von Duisburgern an die letzten Kriegstage. Historikerstimmen der Gegenwart begegnen einem Versuch über Duisburg im Nationalsozialismus zu schreiben aus dem Jahr 1949. Sie münden in die Erinnerungssehnsüchte von AfD-Politikern wie Alexander Gauland sowie Björn Höcke und der gegenüber dem erstarkten Rechtsextremismus wieder nötigen Botschaft des Liedermachers Konstantin Wecker „Sag nein“.

Ort: Vor dem Hochbunker, Milchstraße, 47119 Duisburg-Ruhrort
Bei Regen in der Gaststätte Zum Hübi, Horst-Schimanski-Gasse, 47119 Duisburg-Ruhrort
Zeit: 16 Uhr
Eintritt frei. Hutveranstaltung zur Unterstützung der Hofkultur Ruhrort

Den anderen Vorgeschmack geben zwei Aussschnitte des Lese- und Hörstücks – der erste ist den ersten zehn Minuten entnommen, der zweite Ausschnitt beeendet das Stück.

CHOR DER ERINNERUNG – EINE FRAU – 1.00

Anfang 45 waren meine Brüder in Würtemberg evakuiert und meine Mutter hat die besucht. Ich war da sechs. Das weiß ich noch, wie in der Zeit die Bomben fielen. Wenn Mutti da war, sind wir beim Alarm in den Bunker, von der Luisenstraße aus, das war weit. Aber ich war ja bei Frau Köhlen, der Nachbarin, und die hatten einen Keller. Da dachten die wahrscheinlich, da wären wir sicher. Ich weiß nicht. Jedenfalls waren wir in dem Keller bei jedem Angriff, und dann fielen die Bomben einmal auf das Krankenhaus nebenan, auf den Haniel-Stift. Da hast du gehört, wie die Steine flogen. Ich habe mich schon erschreckt und gedacht, hoffentlich passiert dir nichts. Aber heute in den Erinnerungen ist das nicht mehr so. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich, Angst gehabt zu haben. So haben wir eben gelebt als Kinder. Es war wohl sehr schlimm nachher. Das war ja alles nur noch Schutt, das Krankenhaus, als wir aus dem Keller rauskamen. Aber bei uns war alles stehen geblieben.

MUSIK

Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter 1942 – (ab 0.19 – 2.09)

EIN ICH DER GEGENWART

Davon ging die Welt nicht unter. Nein. Nicht von zerstörerischem Militär. Nicht von zwölf Jahren Nazidiktatur. Die Welt ist ewiger als wir.

Die Welt ging nicht unter, aber Millionen Menschen verloren ihr Leben in dieser nicht untergegangenen Welt. Millionen Menschen litten in ihrem nicht verlorenen Leben und lebten mit den Folgen des Leids weiter. Millionen Menschen versuchten ihre einzigartige Geschichte des Leidens in Einklang zu bringen mit anderen Geschichten des Leidens. Schweigen wurde für viele eine Möglichkeit zu solch einem Einklang. Davon ging die Welt nicht unter.

Die Deutschen hatten dieses Lied gesungen, obwohl sie sich nicht unbedingt einig in dem „davon“ waren. Was war denn dieses davon? Das Bombardement der Alliierten? Der Tod des Mannes für das Vaterland an der Front? Gestorbene Kinder? Die im Keller verschüttete Ehefrau? Die große Liebe eines Lebens tot? Oder war dieses „davon“ doch die Nazidiktatur selbst?

Bruno Balz hatte den Text geschrieben, als er sich in Gestapo-Haft befand. Er war homosexuell. In der Weimarer Republik hatte er sich für die Rechte von Homosexuellen publizistisch eingesetzt. Im Nationalsozialismus wurde er gleich zweimal Opfer der schwulenfeindlichen Gesetzgebung. Er hatte Glück. Er überlebte die körperliche Gewalt der Gestapo. Ihm blieb das Konzentrationslager im letzten Moment erspart, weil der Komponist Michael Jary sich für ihn bei Goebbels einsetzte. Für Bruno Balz war die Welt nicht untergegangen. Er mag seinen Liedtext als heimlichen Triumphgesang nach den gewaltvollen Gestapo-Verhören empfunden haben. Dasselbe Lied sangen aber auch die lokalen Nazifunktionäre, die in den letzten Kriegsmonaten nichts zu verlieren hatten und deshalb immer radikaler in ihrem Fanatismus wurden. Es sangen Männer, die ihre Mitbürger wegen drei oder vier kritischer Worte zur Kriegslage zum Tode verurteilten. Dasselbe Lied sangen die Menschen in deutschen Städten, die nichts anderes mehr besaßen als den obligatorischen Koffer, der für den Alarmfall immer gepackt gewesen war. Die todgeweihten Opfer der Nazis in den Vernichtungslagern sangen dieses Lied nicht mehr.

II

CHOR DER GEGENWART – BJÖRN HÖCKE, AFD-POLITIKER

Der Parteiengeist muss überwunden, die innere Einheit hergestellt werden.

Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen, aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.

Vor allem eine neue politische Führung wird dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben: Sie […] muss aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwider laufen.

[…] neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Reimigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ […] herumkommen.”

Ich bin mir sicher, daß […] am Ende noch genug Angehörige unseres Volks vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können. Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen.

EIN ICH DER GEGENWART

Björn Höcke stellte in dem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ diese Ansichten von der deutschen Zukunft vor. Wir können wissen, wie er handeln wird, sollte er jemals an die Macht kommen. Geschichte wiederholt sich nicht und dennoch bietet sie Beispiele. Im Gewand des Nationalsozialismus werden Politiker diktatorische Macht nicht mehr ergreifen. Selbst die Afd möchte sich nur allzu gerne vom Nationalsozialismus abgrenzen. Was deshalb als Lehre weiter wirkt: Es kann immer wieder Momente der Geschichte geben, in denen einer national orientierten, autoritären, rassistisch handelnden Regierung zur Macht verholfen werden kann.

Deshalb bleibt das Gedenken an den 8. Mai als Tag der Befreiung und der Niederlage gleichermaßen von Bedeutung für die Gegenwart. Weil Politiker wie Björn Höcke weiter um die Macht in der AfD kämpfen und solche Politiker demokratische Verfahren in Deutschland nur so lange für richtig halten, bis sie selbst Macht ausüben können und ihre demokratiefeindlichen Ansichten im politischen Handeln wirksam wird.

Darum geht es weiterhin beim Gedenken an das Kriegsende: Welche Haltung nimmt jeder einzelne gegenüber Politikern ein, die mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit sprechen? Die Nazis hielten sich erst später mit Terror an der Macht.

Noch einmal: Geschichte wiederholt sich nicht. Über Kooperationen mit demokratiefeindlichen Politikern denken heute nicht nur Konservative am rechten Rand der CDU oder Liberale in Thüringen nach. Corona zeigte, es gibt auch in einem sich sonst als alternativ verstehendem Milieu keine Berührungsängste mit Rechtsextremen.

Jeder wahrhaftige Blick auf den Nationalsozialismus und die zwei, drei Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten führt aber zu einer einzigen Einsicht: Autoritäre wie faschistische Regierungen kommen an die Macht, wenn sich die Bürger eines Landes nicht klar von den rechtsextremen Bewegungen distanzieren. Es gibt nur eine Einsicht: Keine politische Kooperation mit Befürwortern von autoritärem Nationalismus, sei es von Politikern in Parlamenten, sei es von liberalen Protestieren auf Demonstrationen. Keine Toleranz gegenüber Intoleranten.

MUSIK

Konstantin Wecker – Sage nein

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