111 Orte beim Lebendigen Adventskalender Ruhrort

Seit 2010 gibt es im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort den Lebendigen Adventskalender. Natürlich hat Corona in diesem Jahr auch die adventlichen Begegnungen der Ruhrorter unmöglich gemacht. Doch nicht einfach ausfallen sollten zumindest die vielen unterschiedlichen Gelegenheit um innezuhalten. Das Kreativquartier organisierte deshalb einen Online-Adventskalender, an dem ich mit einer Lesung zweier Texte zur deutsch-französischen Freundschaft aus unserem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen teilnehmen konnte. Bitte schön!

Dortmund im 111-Orte-Podcast

Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen.

Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät.

Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor.

Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.

Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.

Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe.

Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet.

Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.

Ein Jubiläumsgeschenk für 25 Jahre Pütt 1939

Die 1986 verstorbene Anna Mertens wohnte bis zu ihrem Tod in Duisburg-Meiderich in jener Wohnung, die sie vermutlich in den 1950er Jahren bezogen hatte. In dieser Wohnung gab es das Schlafzimmer und die Küche mit Sofa sowie zwei Stühlen an einem Tisch. Der diente zur Küchenarbeit und zu allem anderen. Die BILD-Zeitung, die WAZ und die Glück aus der Lottoannehmestelle wurden dort gelesen. Dort wurden Einkaufslisten geschrieben. Mit den Kindern des Besuchs spielte man Karten. Gegessen wurde auch an dem Tisch. Das Spülbecken in der Küche war die Waschgelegenheit. Daneben stand der Fernseher. Ein Bad gab es nicht. Im Schlafzimmer wurde sich nur an- und ausgezogen sowie geschlafen. Eine Toilette ohne Heizmöglichkeit befand sich auf halber Treppe im Hausflur. Wenn sie baden wollte, besuchte sie ihren Bruder, der in einem Einzimmerappartement auf der Stolzestraße wohnte. Auch das waren Lebensverhältnisse in den 1980er Jahren für eine Frau, die im Alter von 82 Jahren starb.

Anna Mertens‘ Ehemann Hermann muss um 1960 gestorben sein. An ihn erinnerte ein Portraitfoto an der Wand und ein gerahmtes Bild, das ihm zu seinem 25-jährigen Berufsjubiläum geschenkt worden war. Fast alles, was ich über ihn weiß, steht auf diesem Bild anlässlich seines Jubiläums. Anscheinend hatte er eine Lehre als Elektriker bei AEG gemacht. Nach der Lehre begann er auf dem Kampschacht der Zeche Westende zu arbeiten. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Schenkenden hielten ihn für mutig. Er ging mit seiner Frau ins Kino. Er hatte einmal unter Tage Gas entdeckt. Was das in seiner Zeit bedeutete, müssten mir Bergbau-Fachleute erzählen.

Ebenso müssten sie mir deuten, wer dieses Geschenk überreichte. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein offizielles Geschenk des Bergwerkunternehmens handelt. Andererseits klingt die Anrede aber danach: „Unserem lieben Mitarbeiter“? Oder war „Mitarbeiter“ damals das heute übliche „Kollege“? Auch Sprachhistoriker könnten also das Rätsel lösen.

Begonnen hat die Geschichte der Zeche Westende in Meiderich. Auf der Seite Ruhrgebietszechen findet sich die Historie der Zeche ausführlich beschrieben. Fotos des Geländes aus der jüngsten Vergangenheit ergänzen den Text. Schacht I/II befanden sich gegenüber der Fläche des Vereinsgeländes vom MSV Duisburg. Deshalb heißt die Straße dort Westender Straße.

Die Einfahrt zum ehemaligen Kampschacht befindet sich viel weiter nordwestlich, an der Verbindungsstraße zwischen Meiderich-Berg und Laar. Auch auf Fördergerüste.de ist der Zeche Westende ein Unterkapitel samt historischen Fotos gewidmet.

So ein Jubiläumsgeschenk ist im Erzählen der Allgemeingeschichte verschwunden. Es rückt aber die Menschen in den Vordergrund, die auf der Zeche gearbeitet haben. Ich wäre deshalb dankbar für detaillierte Deutungen des Jubiläumsgeschenks in den Kommentaren.

Diana Rigg im Duisburger Delfinarium und in Mülheim

Im September ist die britische Schauspielerin Diana Rigg gestorben. In den 1960er Jahren wurde sie als Emma Peel in der TV-Serie Mit Schirm, Charme und Melone auch in Deutschland zum Star. Was zu einer heute kurios anmutenden Episode in ihrer Schauspielerkarriere führte, die in Mülheim ihren Ausgang nahm. Auch in Duisburg sowie Essen wurden für diesen Zwischenschritt ihrer Karriere Drehorte gefunden.

Zwischen 1965 und 1967 spielte Diana Rigg die Rolle der Emma Peel in der Serie, die im Original The Avengers hieß. Emma Peel war von den Drehbuchautoren als der damals neue Typ einer starken, unabhängigen jungen Frau angelegt. Zweikämpfe gegen Verbrecher gehörten zu ihren leichtesten Übungen. Ihre Griffe und Tritte deuteten asiatische Selbstverteidungskunst an. Die männlichen Angreifer hatten nichts zu gewinnen. Ihre Kleidung, oft enges Leder oder Lycra, betonte die erotische Ausstrahlung der Figur. Diana Rigg wurde deshalb auch zur Mode-Ikone. Emma Peel fiel in der Serienlandschaft jener Zeit auf. Für viele Männer wurde Diana Rigg zum angehimmelten Star.

In Mülheim hatte einer dieser Männer Geld zu investieren. So kam 1968 es zu dem Vorhaben, mit dem britischen Star als Hauptdarstellerin eine Serie von Super 8 Filmen zu fertigen, ein Heimkino-Medium alter Zeiten. Ihre Rolle war angelehnt an jene, mit der sie berühmt wurde, Emma Peel.

Die Angaben zu dem Film finden sich alle auf den verschiedenen Avengers-Fanseiten in Europa. Insofern gibt es keine mit Dokumenten verbürgte Sicherheit. Alles gleicht dem Hörensagen. So ist in einem TV-Forum zu lesen, ein Fleischermeister aus Mülheim habe als glühender Fan von Diana Rigg sehr viel Geld gezahlt, bis sie bereit war, in den Kurzfilmen mitzuwirken. Es war aber immer noch nicht genug für eine Sprechrolle.

Als einer von anscheinend sechs Filmen der Mülheimer „Accentfilm“ entstand „Der goldene Schlüssel“. So weit ich das sehe, ist dieser Kurzfilm nahezu identisch mit jenem, der als The Diadem in schwarz-weiß kursiert. Drehorte waren in Mülheim, das Delfinarium im Duisburger Zoo und laut eines Forenbeitrags auf The Avengers International Fan Forum (nach unten scrollen bis zum 22.11.2019, 3.22 Uhr) Schloss Hugenpoet in Essen. Letzteres erkenne ich nicht, dafür aber den Flughafen Mülheim/Essen.

Besagter User hat die umfangreichste Recherche zu dem Projekt vorgenommen. Seine Recherchen führten ihn zu Berichten aus dem Jahr 1968 in Hamburger Abendblatt und Bravo. Dort heißt es, dass sogar zehn Episoden einer Miniserie geplant waren. Die Dreharbeiten im Ruhrgebiet begannen im September oder frühem Herbst. Erscheinen sollte der Film zur „Photokina Köln“. Auch auf einer französischen Avengers-Seite gibt es Angaben zur Produktion, die sich nicht von den bisher genannten unterscheiden.

Zwar ging die Welt davon nicht unter – Premiere am 15.11.

Im Februar und März dieses Jahres habe ich mich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs intensiv beschäftigt. Ich arbeitete an einem Lese- und Hörstück für eine Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 1945, jenem Tag vor 75 Jahren, als mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde der Zweite Weltkrieg in Deutschland beendet war.

Ich las vom Nazi-Terror in den letzten Kriegstagen, der die Deutschen zum Weiterkämpfen zwingen sollte. Ich las von Deutschen, die sich sinnlosen Befehlen widersetzten. In manchen Gemeinden waren es Gruppen von Frauen, die von den lokalen Nazi-Führern das Niederlegen der Waffen verlangten. Der kaum bewaffnete Volkssturm sollte ja in vielen Gemeinden die Alliierten aufhalten. In anderen Orten waren es einzelne Personen, meist Männer, die versuchten, den Kampf unmöglich zu machen. Ich las von den Zufällen, die darüber entschieden, ob dieser Einsatz für einen Waffenstillstand zur sofortigen Exekution führte. Denn den Tod riskierten alle, die sich den Alliierten ergeben wollten. Manchmal gab es nicht einmal ein Standgerichtsverfahren, aber manchmal resignierte ein lokaler Nazi-Führer unerwartet und gab die Diktatur im Lokalen auf. Nichts war vorhersehbar.

Ich befragte aber auch Duisburger zu ihren Erinnerungen an die letzten Kriegstage. Ich hörte vom Kinderleben in einem zerstörten Duisburg. Ich hörte von alltäglicher Todesgefahr und dem Aufwachsen im Nebeneinander vom Spiel auf den Straßen, wo der Blick ein Tag zuvor noch auf Leichen gefallen war.

Ich wollte solche erzählte Geschichte und Historikerstimmen zum Kriegsende zusammenbringen. Allerdings dachte ich auch, für ein bedeutsames Gedenken an das Kriegsende in diesen Tagen reicht es nicht an Gewalt und Folgen des Nationalsozialism zu erinnern. Es reicht nicht, daran zu erinnern, dass die Nationalsozialisten lange Zeit auf eine breite Zustimmung unter der deutschen Bevölkerung zählen konnten. Es reicht nicht daran zu erinnern, dass für das durch den Krieg erlittene Leid bei demokratischen Wahlen die Grundlage gelegt wurde. Ich wollte meinen Blick auch auf die Zeit vor 1933 werfen, in der die NSDAP für viele Deutsche zur Partei ihrer Wahl wurde. Ich wollte zeigen, was die Erfahrungen der Jahre zwischen 1929 und 1933 mit unserer Gegenwart zu tun hat, in der Rechtsextreme und national-autoritär gesinnte Politiker selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftreten und Gehör finden.

Dann kam Corona, und die Veranstaltung musste abgesagt werden. Sie wurde auf ein unbestimmtes Datum verlegt in den Herbst. Ich unterbrach meine Arbeit, weil ein Buch mit einem anderen Thema eher fertig sein musste als das Manuskript für die Veranstaltung. Vor etwa sechs Wochen habe ich die Arbeit am Manuskript wieder aufgenommen. Das Stück ist nun fertig. Es hat am 15. November in Ruhrort seine Premiere. Ich freue mich darauf.

Der Himmel über der Ruhr ist blau – Das Programm am 13.2. in Hamborn

Am Mittwoch, den 13. Februar, lese ich ab 19.30 Uhr in der Hamborner Buchhandlung Lesezeichen. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch. Eintritt 12 Euro, Imbiss und Getränke inklusive. Wir sehen uns in der Buchhandlung, Emscherstraße 213, Duisburg.

 

 

Als das Schmuddelkind Pott erwachsen wurde

Nein, das Ullige bekommt keinen Namen. Wo kommen wir denn dahin? Nachher stellt es noch Ansprüche. Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Es war eine stürmische Zeit. Erst die ungeplante Schwangerschaft und dann das wilde Aufwachsen. Doch schließlich ließ sich das Schmuddelkind einfach nicht mehr übersehen. Ruhrgebiet wurde es irgendwann genannt. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Seinen Ruf hat diese Bedeutung aber nur in einer Hinsicht aufpoliert. Trotz aller Erfolge haben es Schmuddelkinder schwer, wenn bei ihnen vieles nicht so ist, wie es die Menschen gewöhnt sind. Zudem dieser ungeheure Schmutz in der Luft!

Noch in den 1960er Jahren hieß es: Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs im Ruhrgebiet niemand auf. Heute ist der Dreck auf den Straßen verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und die Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich immer wieder, wer sie eigentlich sind.

Ralf Koss lädt ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Kleinstädte, Dörfer und Hansestädte wuchsen zusammen, doch der Blick auf die Industrie lässt oft Teile des Lebenslaufs außer Acht, die überraschen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

 

 

Smog im Ruhrgebiet 1973

Der 1973 ausgestrahlte TV-Film Smog von Wolfgang Menge zeigt als Katastrophenthriller die Folgen der Luftverschmutzung im Ruhrgebiet. Menschen sterben, Verantwortliche sind überfordert, niemand im Ruhrgebiet kann der Gefahr der lebensbedrohlichen Luft entgehen. Dennoch geht das Leben weiter. Ein Fußballspiel im Duisburger Wedaustadion findet statt – im Film unten beginnt es ab Minute 26.45. Der MSV Duisburg spielt gegen Borussia Dortmund, und plötzlich sinkt am rechten Flügel ein Spieler der Zebras mit Atemnot zu Boden.

Bernard Dietz zeigt schon damals jenes schauspielerische Können, das heute für viele Fußballer die Regel ist. Damals allerdings wird kein Foulspiel gepfiffen, sondern es herrscht Entsetzen. Eine Trage für „Ennatz“ muss her. Das Spiel wird abgebrochen. Die Lage wird immer bedrohlicher.

Angesichts der Produktionsbedingungen von Fernsehfilmen heute beeindruckt der Aufwand, mit dem dieser TV-Film damals gedreht wurde. Durch die vielen Szenen aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets erhält die Fiktion der Smogkatastrophe einen dokumentarischen Charakter.

Der Film thematisiert zudem den medialen Umgang mit der Katastrophe. Auch damit wird er gleichsam zur vorhersagenden Dokumentation jenes Jahres 1985, in dem im Januar tatsächlich Smogalarm der Stufe III ausgerufen wird. Der Wirklichkeit 1985 fehlt die Zuspitzung zur Katastrophe. Es fehlt die fiktionale Verdichtung des Geschehens zur Vergiftung, also der schnell auftretenden gesundheitlichen Gefährdung, mit der im Film die Luftverschmutzung immer wieder bebildert wird. Langsam ablaufende Prozesse entgehen der sinnlichen Wahrnehmung und müssen dem Bewusstsein vermittelt werden. Der Klimawandel mit seinen Folgen verweist  heute täglich darauf.

 

 

 

Der Alltag im Krieg war ja normal – Die Botschaft am Volkstrauertag: Nie wieder!

Zum gestrigen Volkstrauertag gab es im Ruhrorter Gemeindehaus eine Gedenkveranstaltung, bei der persönliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg vorgetragen wurden. Nie wieder Krieg, da waren sich die Erinnernden einig.

Im Folgenden stelle ich die Erinnerungen von Renate K.-K., Jahrgang 1934, online.

Der Alltag im Krieg war ja normal. Dass es fürchterlich war, habe ich gar nicht so empfunden. Als die ersten Bomben fielen, war das schön für uns, so wie das am Himmel ausgesehen hat. Wir standen bei uns auf der Straße. Ich glaube, mein Vater war sogar dabei. Ich weiß nicht mehr. Der war noch gar nicht eingezogen worden. Meine Mutter sagte immer: „Guck mal, wie schön. Wie schön das aussieht.“ Auf einmal gab es einen unglaublichen Knall. An der Hütte war es eingeschlagen, hinten an der Kronprinzenstraße, an dem Sportplatz. Am nächsten Tag wussten wir dann, was los war. Von da an gab es regelmäßig Bombenalarm.

Erst gab es Voralarm. Dann gab es Vollalarm. Das war natürlich nicht mehr normal, wenn die Sirenen losgingen. Ich habe immer im dicken Trainingsanzug im Bett gelegen. Und neben dem Bett standen zwei Taschen. Beim Voralarm war ich sofort wach. Ich habe die Taschen genommen und bin in den Keller gegangen. Da hatte ich dann so eine Art Sessel. Heute hat man so Sessel für den Garten im Sommer. Da lag ein Kissen und ein Oberbett drin. Damit konnte mich zudecken. So haben wir gewartet, bis der Alarm vorbei war. Damals hatte ich sehr, sehr viele Mittelohrentzündungen. Ich denke wegen des kalten Kellers. Dadurch habe ich dann sehr viele unangenehme Erinnerungen an diesen Keller. Ich habe heute immer noch schnell Schwierigkeiten mit den Ohren. Ich hatte auch immer Angst, wenn wir in den Keller mussten.

Ein einziges Mal nur war ich im Bunker. Der stand unten an der Vohwinkelstraße. Das war ja ein ganzes Stück von uns aus zu laufen. Der andere Bunker war auf der anderen Seite, auf der Herwarthstraße. Der war noch weiter weg. Wir hatten Glück. Wir wären alle weggewesen, wenn da eine Bombe drauf gefallen wäre. So ist das ja später gekommen.

Irgendwann gab es dann keinen Schulunterricht mehr. Warum ich in der Zeit nicht zur Kinderlandverschickung kam, weiß ich nicht. Mein Vater sagte immer sehr schnell, das kommt nicht in Frage. Ich weiß es nicht. Ich bin dann mit meiner Mutter nach Kirchen, wo Verwandte wohnten. Da sind wir dann wochenlang geblieben und zwischendurch immer wieder auch zurück nach Duisburg gefahren. Ich weiß gar nicht, warum wir nach Duisburg zurückgefahren sind. Von jetzt auf gleich sagte meine Mutter: „Wir fahren nach Hause“. Dann waren wir zu Hause, da hieß es: „Wir fahren nach Kirchen.“

In Kirchen habe ich erst mit meiner Mutter und meiner Tante zusammen in einem Zimmer gelebt. Das war das Haus von einer Schwester von einem angeheirateten Großonkel. Später ist Tante Friede bei einer anderen Schwester untergekommen. Wenn wir da in Kirchen waren, habe ich es gar nicht mehr wahrgenommen, dass Krieg war.

Außer wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel sind wir nach Betzdorf gelaufen, um einzukaufen, da mussten wir immer auf Tiefflieger aufpassen. Einmal sind wir auf dem Weg gewesen, und da hat meine Mutter geschrien: „Schmeiß dich hin, schmeiß dich hin. Da kommt ein Tiefflieger.“ Ich hatte den noch gar nicht gesehen. Wir schmissen uns ins Gebüsch, damit der uns nicht sah. Denn sobald der uns gesehen hätte, wären wir ein Ziel für den gewesen. Für mich war das richtig schön, wenn wir uns so versteckten und wenn wir uns hinschmeißen mussten. Das war so aufregend. Meine Mutter hat dann immer gesagt: „Nicht bewegen.“ Oder: „Bleib still liegen“.

Schulunterricht gab es in Kirchen nicht. Irgendwann musste ich immer nach oben in eine Straße, wo meine Tante wohnte, und in der Straße haben wir dann bei den Leuten im Wohnzimmer gesessen. Aber gemacht wurde nichts. Dort haben wir gemalt, und das war dann Schule in der Zeit.

Im Oktober 1944 waren wir zurück in Duisburg und meine Mutter wollte von dort nach Grünstadt fahren, wo mein Vater stationiert war. Ich bin nach Grünstadt mitgefahren, weil meine Oma nicht wollte, dass ich bei ihr blieb. Meine Mutter war tödlich beleidigt, dass ihre Mutter mich nicht genommen hat. Sie fuhr wortlos weg. Sie hat sich nicht von ihrer Mutter verabschiedet. Sie hatte ja deshalb noch extra in Duisburg eine Erlaubnis holen müssen, dass ich mitfahren durfte.

In Grünstadt haben wir kurz nach unserer Ankunft ein Telegramm gekriegt. „Total bombengeschädigt. Mutter tot.“ Aber welche Mutter stand nicht dabei. Mein Vater bekam Sonderurlaub und durfte mit nach Duisburg fahren. Je näher wir nach Duisburg kamen, hat meine Mutter immer gesagt: „Das ist meine Mutter.“ Und mein Vater: „Nee, deine Mutter bestimmt nicht. Meine muss doch immer mit der Nase überall dabei sein. Das war bestimmt die.“

Auf der Fahrt ist mir doch ein bisschen komisch gewesen. Aber ich habe keine Angst gehabt oder Panik. Als wir in Duisburg am Bahnhof waren, fand ich das sogar lustig. Denn im Zug hatte meine Mutter gesagt: „Reinhold, in Duisburg müssen wir uns beeilen, damit wir die Straßenbahn kriegen.“ So haben wir uns beeilt, um aus dem Bahnhof zu kommen. Doch an der Haltestelle kam nichts. Ich habe mich so amüsiert, dass meine Mutter sich so aufregte. „Warum ist denn keine Straßenbahn da? Dann müssen wir jetzt nach Hause laufen. Von Duisburg nach Meiderich. Das ist doch lange. Das schaffen wir doch gar nicht.“

Je weiter wir dann gelaufen sind, desto schockierter war meine Mutter. Sie war vollkommen fertig. Wir wusste ja nicht, was uns erwartete.

Um nach Meiderich zu kommen, mussten wir über die Hängebrücke gehen, die über die Ruhr führte. Das war eine Katastrophe für mich. Für meine Mutter auch, die hatte die gleiche Angst wie ich. An meinen Vater kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Was der gemacht hat, das weiß ich nicht mehr. Ich hatte fürchterliche Angst darüber zu gehen. Wie das gewackelt hat. Zwischen den Brettern durch konnte man runter aufs Wasser sehen. Ich hatte Angst dadurch zu rutschen und ins Wasser zu fallen. Das war furchtbar. Das war wirklich furchtbar. Als ich auf der anderen Seite wieder auf dem Rasen stand, war ich heilfroh.

Dann gingen wir über die Chaussee nach Hause. Überall waren  Bombentrichter und kaputte Häuser. Das war nicht mehr zum Lachen. An der Kronprinzenstraße, an der Hütte war alles weg, alle Häuser waren einfach weg. Wir konnten schon von der Kronprinzenstraße rübergucken zu uns und meine Mutter rief: „Reinhold, nichts ist mehr da. Nichts steht mehr.“

Als wir um die Ecke bogen zur Bergstraße, muss meine Großmutter wohl gehört haben, wie meine Mutter geschrien und gejammert hat. Dann kam die Mutter meines Vaters raus, und da wusste meine Mutter, dass ihre Mutter bei dem Bombenangriff gestorben war.

Meine Mutter hatte sich ja von meiner Großmutter nicht verabschiedet. Sie hatte ja nicht verstehen können, dass meine Großmutter sagte: „In dieser Zeit nehme ich Renate nicht.“ Dafür hatte sie kein Verständnis gehabt. Was sollte mir schon bei ihr passieren in Duisburg? Das kam noch hinzu, nun konnte sie kein Wort mehr mit ihrer Mutter sprechen. Das habe ich hautnah mit meinen zehn Jahren erlebt.

Nachher auf dem Friedhof hat mich das auch alles sehr geschockt. Meine Großmutter war schon beigesetzt. Wir sind zum Friedhof gegangen, und als wir oben auf den Friedhof kamen, weiß ich nicht, wie viel Särge da standen, aufeinander, nebeneinander, in Holzverschlägen. Das hat mich richtig erschüttert.

In den Tagen damals schellte mein Vater auch mal, meine Mutter und ich sollten runterkommen. Da stand mein Vater mit einem Mann und der wollte auf unserer Beerdigung gewesen sein, der von meiner Mutter und mir. Ich weiß nicht, wer das war. Der stand da und sagte immer wieder: „Das kann doch nicht wahr sein. Ich hab euch doch beerdigt. Ich war zu eurer Beerdigung.“
Und mein Vater immer wieder zwischendurch: „Aber du siehsse doch. Das kann ja nicht. Sie sind ja hier.“
Solche Gespräche gab es.

Wo wir gewohnt haben, da war nichts von über geblieben. Eine Bombe war aufs Haus gefallen. Das Nebenhaus war abgebrannt, und der Brand hat dann auch noch übergegriffen bei uns. Mein Großvater hat meine Oma nur an den Pantoffeln erkannt, die sie anhatte, weil sie sonst ganz verbrannt war. Der hat nur die Pantoffeln erkannt.

Das habe ich natürlich alles nur gehört, als meine Mutter und Onkel Hans, das war ihr Bruder, sich unterhalten haben. Es hatte auch noch so ein Theater mit dem Sarg gegegeben. Mein Großvater war wohl zu dem Sarggeschäft gegangen, und die rückten keine Särge mehr raus, obwohl so viele Särge bei denen standen. Mein Großvater konnte sehr unangenehm sein. Das kann ich mir gut vorstellen, warum der dann doch einen Sarg bekommen hat. Dann hat er in den Sarg meine Großmutter reinlegen lassen. Das war in Mittelmeiderich in der Kirche. Als er sie dann beerdigen wollte, schaute er nach, und dann lag die da gar nicht mehr drin. Eine andere Tote lag in dem Sarg. Das war gar nicht meine Oma. Ich weiß auch nicht, wer da jetzt in dem Grab liegt.

Zu Hause ist nie darüber gesprochen worden, dass es mich nicht gäbe, wenn meine Oma mich bei sich behalten hätte. Dann wäre ich nur zehn Jahre alt geworden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeiner mal was dazu gesagt hat. Daran habe ich auch nicht gedacht, als ich größer wurde. Jetzt, als älterer Mensch, ist mir das so richtig bewusst geworden. Ich habe gedacht, das kann nicht wahr sein. Da verdankst du der Oma dein Leben. Ich sehe die immer mit nackten Füßen putzen, und die hat viel geputzt. Sie hatte auch so einen schönen Garten  mit wunderbaren, schönen Erdbeeren immer. Sie hatte so ein Dreirad, hinten ein Rad und vorne zwei. Ich habe auch viel bei ihr auf der Straße gespielt, als sie noch etwas weiter von uns wegwohnte. Die hatte da sehr schön gewohnt.

Ich weiß auch noch ganz genau, wie mein Cousin 1944 in Kirchen geboren wurde.
„Lauf mal ganz schnell zu Frau Freise“, das hatten sie zu mir gesagt. Ich weiß den Namen noch von der Hebamme.
Zusammen gingen wir dann zurück, und ich habe gewartet. Dann kam Frau Freise raus aus dem Schlafzimmer und sagte: „Ich hab’ noch keine Lust.“
Und ich stehe da, ein zehnjähriges Mädchen, und frage mich. „Warum hat die keine Lust?
Hat die Tante Friede jetzt das Baby?“
Ich hatte doch keine Vorstellung davon, was die Frau Freise macht und wo das Kind auf einmal her kommt.
Dann musste ich sie ein zweites Mal holen. Da war sie nicht da. Ihre Tochter sagte zu mir: „Meine Mutter ist im Nachbardorf“.
Und ich sagte: „Aber die muss kommen.“
Dann sagte sie: „Dann muss ich anrufen.“
Ich war total überrascht: „Haben Sie ein Telefon?“
„Ja, sicher“, sagte sie, „wir müssen doch ein Telefon haben.“
Ich ging zurück und erzählte: „Frau Freise ist nicht da.“
Die Schwester von Onkel Walter bekam Zustände. Die wusste doch nicht, was sie machen sollte. Schließlich kam Frau Freise doch. Sie ging in das Schlafzimmer, kam nach einiger Zeit wieder raus und gab mir den Rainer in den Arm.
Ich habe gedacht, wo hat die denn den gehabt? Den hat die doch gar nicht mitgebracht.
Es hat mir auch keiner erklärt, was da geschehen ist.

Wir waren auch in Kirchen, als die Amerikaner mit ihren Panzern eingezogen sind. Die waren so freundlich. Die haben allen Kindern Kaugummi gegeben. Wir hatten keine Angst. Plötzlich war alles anders, nicht mehr so wie vorher, als wir uns vor den Tiefflieger in Sicherheit bringen mussten.

In eigener Sache: Schmuddelkind Pott – Ein Programm zur Geschichte des Ruhrgebiets

Am Freitag, den 8. Juni, bin ich ab 19.30 Uhr in der Neudorfer Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch. Eintritt 5 Euro, Knabbereien und Getränke inklusive. Wir sehen uns, bei Tausendundein Buch, Oststraße 125, Duisburg.

 

 

Als das Schmuddelkind Pott erwachsen wurde

Nein, das Ullige bekommt keinen Namen. Wo kommen wir denn dahin? Nachher stellt es noch Ansprüche. Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Es war eine stürmische Zeit. Erst die ungeplante Schwangerschaft und dann das wilde Aufwachsen. Doch schließlich ließ sich das Schmuddelkind einfach nicht mehr übersehen. Ruhrgebiet wurde es irgendwann genannt. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Seinen Ruf hat diese Bedeutung aber nur in einer Hinsicht aufpoliert. Trotz aller Erfolge haben es Schmuddelkinder schwer, wenn bei ihnen vieles nicht so ist, wie es die Menschen gewöhnt sind. Zudem dieser ungeheure Schmutz in der Luft!

Noch in den 1960er Jahren hieß es: Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs im Ruhrgebiet niemand auf. Heute ist der Dreck auf den Straßen verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und die Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich immer wieder, wer sie eigentlich sind.

Ralf Koss lädt ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Kleinstädte, Dörfer und Hansestädte wuchsen zusammen, doch der Blick auf die Industrie lässt oft Teile des Lebenslaufs außer Acht, die überraschen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

 

 

Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in Ruhrort – 20. Januar, 15 Uhr

Unsere geprägten Leben

Bei den 39. Duisburger Akzenten möchte ich Kriegserfahrungen von Duisburgern bei einer szenischen Lesung zu einer Art Gespräch werden lassen. Das Ganze findet im Ruhrorter Lokal Harmonie statt. Gespräch nenne ich diese Lesung deshalb, weil Duisburger sehr unterschiedliche Kriege erlebt haben. Die älteren Duisburger kennen den Zweiten Weltkrieg als Kinder und Jugendliche. Duisburger flüchteten aber auch vor den Jugoslawienkriegen der 1990er, vor den Bürgerkriegen Afrikas oder in der Gegenwart vor dem Syrienkrieg. Über die eigenen zum Teil traumatischen Erfahrungen zu sprechen ist nicht leicht. Deshalb möchte ich zur Vorbereitung der Lesung im März am 20. Januar von 15 bis 18 Uhr zu einem Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in das Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6, einladen. Aufgerufen sind Duisburger aller Generationen und Herkünfte. In dieser Erinnerungswerkstatt wird das persönliche Erleben durch Aufzeichnung zur bleibenden Zeitzeugenschaft.

Wenn an diesem Termin jemand keine Zeit hat oder wenn jemand nur im persönlichen Gespräch von seinen Erfahrungen erzählen will, kann er mich gerne über das Kontaktformular anschreiben, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.