Smog im Ruhrgebiet 1973

Der 1973 ausgestrahlte TV-Film Smog von Wolfgang Menge zeigt als Katastrophenthriller die Folgen der Luftverschmutzung im Ruhrgebiet. Menschen sterben, Verantwortliche sind überfordert, niemand im Ruhrgebiet kann der Gefahr der lebensbedrohlichen Luft entgehen. Dennoch geht das Leben weiter. Ein Fußballspiel im Duisburger Wedaustadion findet statt – im Film unten beginnt es ab Minute 26.45. Der MSV Duisburg spielt gegen Borussia Dortmund, und plötzlich sinkt am rechten Flügel ein Spieler der Zebras mit Atemnot zu Boden.

Bernard Dietz zeigt schon damals jenes schauspielerische Können, das heute für viele Fußballer die Regel ist. Damals allerdings wird kein Foulspiel gepfiffen, sondern es herrscht Entsetzen. Eine Trage für „Ennatz“ muss her. Das Spiel wird abgebrochen. Die Lage wird immer bedrohlicher.

Angesichts der Produktionsbedingungen von Fernsehfilmen heute beeindruckt der Aufwand, mit dem dieser TV-Film damals gedreht wurde. Durch die vielen Szenen aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets erhält die Fiktion der Smogkatastrophe einen dokumentarischen Charakter.

Der Film thematisiert zudem den medialen Umgang mit der Katastrophe. Auch damit wird er gleichsam zur vorhersagenden Dokumentation jenes Jahres 1985, in dem im Januar tatsächlich Smogalarm der Stufe III ausgerufen wird. Der Wirklichkeit 1985 fehlt die Zuspitzung zur Katastrophe. Es fehlt die fiktionale Verdichtung des Geschehens zur Vergiftung, also der schnell auftretenden gesundheitlichen Gefährdung, mit der im Film die Luftverschmutzung immer wieder bebildert wird. Langsam ablaufende Prozesse entgehen der sinnlichen Wahrnehmung und müssen dem Bewusstsein vermittelt werden. Der Klimawandel mit seinen Folgen verweist  heute täglich darauf.

 

 

 

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Der Alltag im Krieg war ja normal – Die Botschaft am Volkstrauertag: Nie wieder!

Zum gestrigen Volkstrauertag gab es im Ruhrorter Gemeindehaus eine Gedenkveranstaltung, bei der persönliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg vorgetragen wurden. Nie wieder Krieg, da waren sich die Erinnernden einig.

Im Folgenden stelle ich die Erinnerungen von Renate K.-K., Jahrgang 1934, online.

Der Alltag im Krieg war ja normal. Dass es fürchterlich war, habe ich gar nicht so empfunden. Als die ersten Bomben fielen, war das schön für uns, so wie das am Himmel ausgesehen hat. Wir standen bei uns auf der Straße. Ich glaube, mein Vater war sogar dabei. Ich weiß nicht mehr. Der war noch gar nicht eingezogen worden. Meine Mutter sagte immer: „Guck mal, wie schön. Wie schön das aussieht.“ Auf einmal gab es einen unglaublichen Knall. An der Hütte war es eingeschlagen, hinten an der Kronprinzenstraße, an dem Sportplatz. Am nächsten Tag wussten wir dann, was los war. Von da an gab es regelmäßig Bombenalarm.

Erst gab es Voralarm. Dann gab es Vollalarm. Das war natürlich nicht mehr normal, wenn die Sirenen losgingen. Ich habe immer im dicken Trainingsanzug im Bett gelegen. Und neben dem Bett standen zwei Taschen. Beim Voralarm war ich sofort wach. Ich habe die Taschen genommen und bin in den Keller gegangen. Da hatte ich dann so eine Art Sessel. Heute hat man so Sessel für den Garten im Sommer. Da lag ein Kissen und ein Oberbett drin. Damit konnte mich zudecken. So haben wir gewartet, bis der Alarm vorbei war. Damals hatte ich sehr, sehr viele Mittelohrentzündungen. Ich denke wegen des kalten Kellers. Dadurch habe ich dann sehr viele unangenehme Erinnerungen an diesen Keller. Ich habe heute immer noch schnell Schwierigkeiten mit den Ohren. Ich hatte auch immer Angst, wenn wir in den Keller mussten.

Ein einziges Mal nur war ich im Bunker. Der stand unten an der Vohwinkelstraße. Das war ja ein ganzes Stück von uns aus zu laufen. Der andere Bunker war auf der anderen Seite, auf der Herwarthstraße. Der war noch weiter weg. Wir hatten Glück. Wir wären alle weggewesen, wenn da eine Bombe drauf gefallen wäre. So ist das ja später gekommen.

Irgendwann gab es dann keinen Schulunterricht mehr. Warum ich in der Zeit nicht zur Kinderlandverschickung kam, weiß ich nicht. Mein Vater sagte immer sehr schnell, das kommt nicht in Frage. Ich weiß es nicht. Ich bin dann mit meiner Mutter nach Kirchen, wo Verwandte wohnten. Da sind wir dann wochenlang geblieben und zwischendurch immer wieder auch zurück nach Duisburg gefahren. Ich weiß gar nicht, warum wir nach Duisburg zurückgefahren sind. Von jetzt auf gleich sagte meine Mutter: „Wir fahren nach Hause“. Dann waren wir zu Hause, da hieß es: „Wir fahren nach Kirchen.“

In Kirchen habe ich erst mit meiner Mutter und meiner Tante zusammen in einem Zimmer gelebt. Das war das Haus von einer Schwester von einem angeheirateten Großonkel. Später ist Tante Friede bei einer anderen Schwester untergekommen. Wenn wir da in Kirchen waren, habe ich es gar nicht mehr wahrgenommen, dass Krieg war.

Außer wenn wir unterwegs waren, zum Beispiel sind wir nach Betzdorf gelaufen, um einzukaufen, da mussten wir immer auf Tiefflieger aufpassen. Einmal sind wir auf dem Weg gewesen, und da hat meine Mutter geschrien: „Schmeiß dich hin, schmeiß dich hin. Da kommt ein Tiefflieger.“ Ich hatte den noch gar nicht gesehen. Wir schmissen uns ins Gebüsch, damit der uns nicht sah. Denn sobald der uns gesehen hätte, wären wir ein Ziel für den gewesen. Für mich war das richtig schön, wenn wir uns so versteckten und wenn wir uns hinschmeißen mussten. Das war so aufregend. Meine Mutter hat dann immer gesagt: „Nicht bewegen.“ Oder: „Bleib still liegen“.

Schulunterricht gab es in Kirchen nicht. Irgendwann musste ich immer nach oben in eine Straße, wo meine Tante wohnte, und in der Straße haben wir dann bei den Leuten im Wohnzimmer gesessen. Aber gemacht wurde nichts. Dort haben wir gemalt, und das war dann Schule in der Zeit.

Im Oktober 1944 waren wir zurück in Duisburg und meine Mutter wollte von dort nach Grünstadt fahren, wo mein Vater stationiert war. Ich bin nach Grünstadt mitgefahren, weil meine Oma nicht wollte, dass ich bei ihr blieb. Meine Mutter war tödlich beleidigt, dass ihre Mutter mich nicht genommen hat. Sie fuhr wortlos weg. Sie hat sich nicht von ihrer Mutter verabschiedet. Sie hatte ja deshalb noch extra in Duisburg eine Erlaubnis holen müssen, dass ich mitfahren durfte.

In Grünstadt haben wir kurz nach unserer Ankunft ein Telegramm gekriegt. „Total bombengeschädigt. Mutter tot.“ Aber welche Mutter stand nicht dabei. Mein Vater bekam Sonderurlaub und durfte mit nach Duisburg fahren. Je näher wir nach Duisburg kamen, hat meine Mutter immer gesagt: „Das ist meine Mutter.“ Und mein Vater: „Nee, deine Mutter bestimmt nicht. Meine muss doch immer mit der Nase überall dabei sein. Das war bestimmt die.“

Auf der Fahrt ist mir doch ein bisschen komisch gewesen. Aber ich habe keine Angst gehabt oder Panik. Als wir in Duisburg am Bahnhof waren, fand ich das sogar lustig. Denn im Zug hatte meine Mutter gesagt: „Reinhold, in Duisburg müssen wir uns beeilen, damit wir die Straßenbahn kriegen.“ So haben wir uns beeilt, um aus dem Bahnhof zu kommen. Doch an der Haltestelle kam nichts. Ich habe mich so amüsiert, dass meine Mutter sich so aufregte. „Warum ist denn keine Straßenbahn da? Dann müssen wir jetzt nach Hause laufen. Von Duisburg nach Meiderich. Das ist doch lange. Das schaffen wir doch gar nicht.“

Je weiter wir dann gelaufen sind, desto schockierter war meine Mutter. Sie war vollkommen fertig. Wir wusste ja nicht, was uns erwartete.

Um nach Meiderich zu kommen, mussten wir über die Hängebrücke gehen, die über die Ruhr führte. Das war eine Katastrophe für mich. Für meine Mutter auch, die hatte die gleiche Angst wie ich. An meinen Vater kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Was der gemacht hat, das weiß ich nicht mehr. Ich hatte fürchterliche Angst darüber zu gehen. Wie das gewackelt hat. Zwischen den Brettern durch konnte man runter aufs Wasser sehen. Ich hatte Angst dadurch zu rutschen und ins Wasser zu fallen. Das war furchtbar. Das war wirklich furchtbar. Als ich auf der anderen Seite wieder auf dem Rasen stand, war ich heilfroh.

Dann gingen wir über die Chaussee nach Hause. Überall waren  Bombentrichter und kaputte Häuser. Das war nicht mehr zum Lachen. An der Kronprinzenstraße, an der Hütte war alles weg, alle Häuser waren einfach weg. Wir konnten schon von der Kronprinzenstraße rübergucken zu uns und meine Mutter rief: „Reinhold, nichts ist mehr da. Nichts steht mehr.“

Als wir um die Ecke bogen zur Bergstraße, muss meine Großmutter wohl gehört haben, wie meine Mutter geschrien und gejammert hat. Dann kam die Mutter meines Vaters raus, und da wusste meine Mutter, dass ihre Mutter bei dem Bombenangriff gestorben war.

Meine Mutter hatte sich ja von meiner Großmutter nicht verabschiedet. Sie hatte ja nicht verstehen können, dass meine Großmutter sagte: „In dieser Zeit nehme ich Renate nicht.“ Dafür hatte sie kein Verständnis gehabt. Was sollte mir schon bei ihr passieren in Duisburg? Das kam noch hinzu, nun konnte sie kein Wort mehr mit ihrer Mutter sprechen. Das habe ich hautnah mit meinen zehn Jahren erlebt.

Nachher auf dem Friedhof hat mich das auch alles sehr geschockt. Meine Großmutter war schon beigesetzt. Wir sind zum Friedhof gegangen, und als wir oben auf den Friedhof kamen, weiß ich nicht, wie viel Särge da standen, aufeinander, nebeneinander, in Holzverschlägen. Das hat mich richtig erschüttert.

In den Tagen damals schellte mein Vater auch mal, meine Mutter und ich sollten runterkommen. Da stand mein Vater mit einem Mann und der wollte auf unserer Beerdigung gewesen sein, der von meiner Mutter und mir. Ich weiß nicht, wer das war. Der stand da und sagte immer wieder: „Das kann doch nicht wahr sein. Ich hab euch doch beerdigt. Ich war zu eurer Beerdigung.“
Und mein Vater immer wieder zwischendurch: „Aber du siehsse doch. Das kann ja nicht. Sie sind ja hier.“
Solche Gespräche gab es.

Wo wir gewohnt haben, da war nichts von über geblieben. Eine Bombe war aufs Haus gefallen. Das Nebenhaus war abgebrannt, und der Brand hat dann auch noch übergegriffen bei uns. Mein Großvater hat meine Oma nur an den Pantoffeln erkannt, die sie anhatte, weil sie sonst ganz verbrannt war. Der hat nur die Pantoffeln erkannt.

Das habe ich natürlich alles nur gehört, als meine Mutter und Onkel Hans, das war ihr Bruder, sich unterhalten haben. Es hatte auch noch so ein Theater mit dem Sarg gegegeben. Mein Großvater war wohl zu dem Sarggeschäft gegangen, und die rückten keine Särge mehr raus, obwohl so viele Särge bei denen standen. Mein Großvater konnte sehr unangenehm sein. Das kann ich mir gut vorstellen, warum der dann doch einen Sarg bekommen hat. Dann hat er in den Sarg meine Großmutter reinlegen lassen. Das war in Mittelmeiderich in der Kirche. Als er sie dann beerdigen wollte, schaute er nach, und dann lag die da gar nicht mehr drin. Eine andere Tote lag in dem Sarg. Das war gar nicht meine Oma. Ich weiß auch nicht, wer da jetzt in dem Grab liegt.

Zu Hause ist nie darüber gesprochen worden, dass es mich nicht gäbe, wenn meine Oma mich bei sich behalten hätte. Dann wäre ich nur zehn Jahre alt geworden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeiner mal was dazu gesagt hat. Daran habe ich auch nicht gedacht, als ich größer wurde. Jetzt, als älterer Mensch, ist mir das so richtig bewusst geworden. Ich habe gedacht, das kann nicht wahr sein. Da verdankst du der Oma dein Leben. Ich sehe die immer mit nackten Füßen putzen, und die hat viel geputzt. Sie hatte auch so einen schönen Garten  mit wunderbaren, schönen Erdbeeren immer. Sie hatte so ein Dreirad, hinten ein Rad und vorne zwei. Ich habe auch viel bei ihr auf der Straße gespielt, als sie noch etwas weiter von uns wegwohnte. Die hatte da sehr schön gewohnt.

Ich weiß auch noch ganz genau, wie mein Cousin 1944 in Kirchen geboren wurde.
„Lauf mal ganz schnell zu Frau Freise“, das hatten sie zu mir gesagt. Ich weiß den Namen noch von der Hebamme.
Zusammen gingen wir dann zurück, und ich habe gewartet. Dann kam Frau Freise raus aus dem Schlafzimmer und sagte: „Ich hab’ noch keine Lust.“
Und ich stehe da, ein zehnjähriges Mädchen, und frage mich. „Warum hat die keine Lust?
Hat die Tante Friede jetzt das Baby?“
Ich hatte doch keine Vorstellung davon, was die Frau Freise macht und wo das Kind auf einmal her kommt.
Dann musste ich sie ein zweites Mal holen. Da war sie nicht da. Ihre Tochter sagte zu mir: „Meine Mutter ist im Nachbardorf“.
Und ich sagte: „Aber die muss kommen.“
Dann sagte sie: „Dann muss ich anrufen.“
Ich war total überrascht: „Haben Sie ein Telefon?“
„Ja, sicher“, sagte sie, „wir müssen doch ein Telefon haben.“
Ich ging zurück und erzählte: „Frau Freise ist nicht da.“
Die Schwester von Onkel Walter bekam Zustände. Die wusste doch nicht, was sie machen sollte. Schließlich kam Frau Freise doch. Sie ging in das Schlafzimmer, kam nach einiger Zeit wieder raus und gab mir den Rainer in den Arm.
Ich habe gedacht, wo hat die denn den gehabt? Den hat die doch gar nicht mitgebracht.
Es hat mir auch keiner erklärt, was da geschehen ist.

Wir waren auch in Kirchen, als die Amerikaner mit ihren Panzern eingezogen sind. Die waren so freundlich. Die haben allen Kindern Kaugummi gegeben. Wir hatten keine Angst. Plötzlich war alles anders, nicht mehr so wie vorher, als wir uns vor den Tiefflieger in Sicherheit bringen mussten.

In eigener Sache: Schmuddelkind Pott – Ein Programm zur Geschichte des Ruhrgebiets

Am Freitag, den 8. Juni, bin ich ab 19.30 Uhr in der Neudorfer Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch. Eintritt 5 Euro, Knabbereien und Getränke inklusive. Wir sehen uns, bei Tausendundein Buch, Oststraße 125, Duisburg.

 

 

Als das Schmuddelkind Pott erwachsen wurde

Nein, das Ullige bekommt keinen Namen. Wo kommen wir denn dahin? Nachher stellt es noch Ansprüche. Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Es war eine stürmische Zeit. Erst die ungeplante Schwangerschaft und dann das wilde Aufwachsen. Doch schließlich ließ sich das Schmuddelkind einfach nicht mehr übersehen. Ruhrgebiet wurde es irgendwann genannt. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Seinen Ruf hat diese Bedeutung aber nur in einer Hinsicht aufpoliert. Trotz aller Erfolge haben es Schmuddelkinder schwer, wenn bei ihnen vieles nicht so ist, wie es die Menschen gewöhnt sind. Zudem dieser ungeheure Schmutz in der Luft!

Noch in den 1960er Jahren hieß es: Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs im Ruhrgebiet niemand auf. Heute ist der Dreck auf den Straßen verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und die Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich immer wieder, wer sie eigentlich sind.

Ralf Koss lädt ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Kleinstädte, Dörfer und Hansestädte wuchsen zusammen, doch der Blick auf die Industrie lässt oft Teile des Lebenslaufs außer Acht, die überraschen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

 

 

Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in Ruhrort – 20. Januar, 15 Uhr

Unsere geprägten Leben

Bei den 39. Duisburger Akzenten möchte ich Kriegserfahrungen von Duisburgern bei einer szenischen Lesung zu einer Art Gespräch werden lassen. Das Ganze findet im Ruhrorter Lokal Harmonie statt. Gespräch nenne ich diese Lesung deshalb, weil Duisburger sehr unterschiedliche Kriege erlebt haben. Die älteren Duisburger kennen den Zweiten Weltkrieg als Kinder und Jugendliche. Duisburger flüchteten aber auch vor den Jugoslawienkriegen der 1990er, vor den Bürgerkriegen Afrikas oder in der Gegenwart vor dem Syrienkrieg. Über die eigenen zum Teil traumatischen Erfahrungen zu sprechen ist nicht leicht. Deshalb möchte ich zur Vorbereitung der Lesung im März am 20. Januar von 15 bis 18 Uhr zu einem Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in das Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6, einladen. Aufgerufen sind Duisburger aller Generationen und Herkünfte. In dieser Erinnerungswerkstatt wird das persönliche Erleben durch Aufzeichnung zur bleibenden Zeitzeugenschaft.

Wenn an diesem Termin jemand keine Zeit hat oder wenn jemand nur im persönlichen Gespräch von seinen Erfahrungen erzählen will, kann er mich gerne über das Kontaktformular anschreiben, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.

Als 1978 die Binnenschifffahrt in deutschen Wohnzimmern begeister

Drüben im Zebrastreifenblog begleite ich die Duisburger Akzente mit einer inoffiziellen Programmreihe. Mein heutiger Beitrag passt auch hierher, spielt der Ruhrorter Hafen dabei doch eine besondere Rolle. Bei Interesse: Mit einem Klick geht es weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Noch bevor 1981 die erste Schimanski-Folge Ruhrort und damit Duisburg endgültig zum selbstverständlichen Handlungsort eines fiktionalen TV-Geschehens machte, nutzte schon 1978 die TV-Serie MS Franziska das erzählerische Potential von Duisburg und dem Ruhrorter Hafen als Teil der Binnenschifffahrtswelt. Regie führte Wolfgang Staudte, die Bücher hatte Heinz Oskar Wuttig geschrieben. Die ARD richtete mit der Erstausstrahlung der Serie seinerzeit den Montagabend als neuen Seriensendeplatz ein, und MS Frankziska hatte großen Erfolg.

Wie sehr für mich die Welt der Binnenschifffahrt grundsätzlich mit meiner Ruhrorter Hafenwelt verschmolzen war, seht ihr daran, dass in meiner Erinnerung die gesamte Serie ihren Handlungsschwerpunkt in Duisburg besaß. Was nicht stimmt. Zwei Folgen nur spielen in Duisburg. Ein Binnenschiff liegt nun mal nicht vornehmlich vor Anker, sondern es ist in der MS-Franziska-Welt auch mal auf dem gesamten Rhein unterwegs.

Mit dem Anfang der ersten Folge sehen wir die MS Franziska im Mittelrheintal, und ein Grundkonflikt der Serie wird etabliert. Der von Paul Dahlke gespielte Binnenschiffer im Rentenalter Jakob Wilde ist ganz Patriarch alter Schule. Er glaubt weiterhin auf die Anforderungen des Lebens die besseren Antworten zu haben als seine Söhne. In dieser einführenden Szene geht es natürlich um die grundsätzliche Fähigkeit eines Binnenschiffers, das Steuern des Frachtschiffes, das er seinem von Ulrich von Dobschütz gespielten Sohn Paul in einer Gefahrensituation aus der Hand nimmt.

Die Folge 2, Zum Grünen Hahn, spielt vor allem in Ruhort und Homberg. Die MS Franziska liegt in Ruhrort vor Anker. Jakob und Paul warten auf einen lukrativen Frachtauftrag. Das Alltagsleben in der Binnenschifffahrt wird mit Fahrtauglichkeitsprüfung von Jakob und den Begegnungen mit dem Hafenpastor erzählt. Zudem beginnt für den von Jochen Schroeder gespielten Enkel Jakobs, Niko Wilde, ein zehnwöchiger Lehrgang auf dem im Homberger Eisenbahnhafen liegenden Schulschiff Rhein.

In der Folge 4, Probefahrt, liegt die MS Franziska mit einem Motorschaden in Duisburg fest. Dramatik erhält die Folge durch den Blinddarmdurchbruch von Paul. Für ihn muss Jakob einen Ersatz suchen muss, als er für die MS Franziska einen Frachtauftrag erhält.

Bei Wikipedia gibt es hauptsächlich die inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Folgen. Zusammen mit dem Episodenguide bei Fernsehserien.de erhält man ein gutes Bild vom Handlungsgeschehen.

Auf der Seite TV-Nostalgie gibt es Ausschnitte aus einem Interview, das der Seitenbetreiber mit dem Komponisten der Filmmusik, Peter Schirmann, geführt hat.

Sämtliche Folgen finden sich auf YouTube.

Ruhrort – Damals

Wer gestern  beim Lebendigen Adventskalender in Ruhrort ein Türchen öffnete, konnte mir bei einer Lesung zuhören. Es hat mir großen Spaß gemacht, eine Viertelstunde Texte zur Ruhrstadt-Wirklichkeit zu lesen und meinen Sinn für Komik mit ein paar Gedichten zu zeigen. Mein Einstiegstext ruft ein Ruhrort der 1960er Jahre in Erinnerung. Ein Blog zur Geschichte der Ruhrstadt scheint mir ebenfalls ein geigneter Ort für diesen Text.

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Stadtteil, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir aber selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich das rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

Besprochen: So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99