Lesung – Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau

Am Donnerstag, der 9. November, bin ich ab 19 Uhr in der Duisburger Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. An dem Abend wird es zwar auch um Fußball gehen, allerdings als Teil der Ruhrgebietsgeschichte. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ heißt das Programm des Abends – kein Hutkonzert, sondern Hutlesung. Wir sehen uns in Neudorf bei Tausendundein Buch, Oststraße 125.

Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs lange Jahre im Ruhrgebiet niemand auf. Nicht nur daran erinnert Ralf Koss, wenn er erzählt, wie aus Dörfern, Kleinstädten und zwei Hansestädten durch Zechen und Stahlwerke das Ruhrgebiet geworden ist. Der Himmel über der Ruhr ist heute wieder blau geworden. Der Dreck auf den Straßen ist verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Das Ruhrgebiet sucht nach seiner Identität. Deshalb wirft Ralf Koss den Blick auch auf die vernachlässigte Geschichte der Region. Denn Stadtluft machte in den Hansestädten Dortmund und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball feierte Meisterschaften und stellte DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

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Bewegtbilder vom Innenhafen Duisburg aus dem Jahr 1995

Das Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst verrät durch seinem Namen immer noch, was im Innenhafen, dem Standort des Museums, über Jahrzehnte Hauptumschlaggut gewesen ist. Bis in die 1960er Jahre wurde von hier aus das Ruhrgebiet mit Mehl versorgt. Entsprechend blumig wurde zuweilen vom „Brotkorb des Ruhrgebiets“ wahrscheinlich eher geschrieben als gesprochen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde aber  zunächst vor allem Holz umgeschlagen. Die Zechen brauchten Grubenholz.

Der Wandel vom Industriehafen zum Wohn- und Freizeitquartier sowie zur Adresse für Büroraum vollzog sich ab Mitte der 1990er Jahre. Der Hafen gehörte zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Den Masterplan zum Umbau legte 1994 der britische Architekt Lord Norman Foster vor. Beendet ist der Hafen-Umbau noch nicht. Offensichtlich wird das an der Rundung des ehemaligen Holzhafens, wo hinter der fertiggestellten Freitreppe die Errichtung des geplanten Gebäudeensembles bislang gescheitert ist.

Der Clip zeigt das Innenhafengelände kurz vor der Beginn der Bautätigkeiten. Die digitalisierten Super-8-Aufnahmen sind ungeschnitten online gestellt. Bis Minute 5.11 gibt es Impressionen vom Hafenbecken aus verschiedenen Perspektiven. Bis zum Ende folgen Straßenansichten des Hafenareals.

Wir sind alle keine Beckenbauers – ein großartiger Film aus dem Jahr 1978

Der Verlag heißt „Syndikat – Autoren- und Verlagsgesellschaft“. Dort erscheint 1978 mit „Sind doch nicht alle Beckenbauers“ ein Buch über den Fußball des Ruhrgebiets. Rolf Lindner, ein Soziologe, und Heinrich Th. Breuer, ein Psychologe, versuchen als erste die besondere Bedeutung des Fußballs für die Region zu beschreiben und in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen. Schon der Name des Verlags verweist auf den Zeitgeist, der diese Beschreibung durchdringt. Gesellschaftskritik, Emanzipation der Arbeiterschaft, die Arbeiter-Wirklichkeit wichtig nehmen, das klingt immer wieder an, egal ob die Eltern von Rüdiger Abramczik interviewt werden, über den SV Sodingen geschrieben wird oder über das Leben in der Bergarbeiterstadt Bottrop.

Die Autoren haben nicht nur ein historisches und soziologisches Interesse an ihrem Thema. Sie ziehen Schlüsse aus ihren Beobachtungen, mit denen sie strukturpolitische Entscheidungen nach dem Schließen der Zechen kritisieren. So zeigt das Portrait einer Straßenmannschaft aus Bottrop-Boy eine schon damals untergehende Welt der Arbeiterfamilien. Sie wird bestimmt durch Zusammenhalt und den Stolz auf das eigene Leben.

Wahrscheinlich ist die Dokumentation über diese Straßenmannschaft parallel zur Arbeit an dem Buch entstanden. Wir sind alle keine Beckenbauers ist ein großartiger Film von Lucas Maria Böhmer. Der Autor Rolf Lindner wird als Berater des Filmemachers im Abspann aufgeführt. Diese Dokumentation beschränkt sich nicht auf die Reportage. Lucas Maria Böhmer hat wunderbare Bilder des Ruhrgebiets der 1970er Jahre eingefangen und die Stimmen aus der Robert-Brenner-Straße in Bottrop-Boy zu einer begeisternden Milieustudie zusammengeschnitten – ein Milieu, das es heute mit diesem Stolz und der selbstbewussten Identität nicht mehr gibt.

Essen in den 1950ern – Ein fremder Blick auf die Vorweihnachtszeit

In welchem Zusammenhang der folgende Clip entstanden ist, kann ich nur vermuten. Eine erste Netz-Recherche zu den genauen Produktionszusammenhängen verlief jedenfalls ergebnislos. Vielleicht weiß in dem Fall der „Schwarm“ der Pott-Historieninteressierten mehr und verhilft zu Wissen. Wahrscheinlich ist der Kurzfilm von etwas mehr als 11 Minuten zu Lehrzwecken erstellt worden. Ein ethnografischer Blick wird in ihm deutlich.

Am Beispiel des Alltags der Familie Müller in einem Dezember der 1950er Jahre lernt man nicht nur Essen in der Vorweihnachtszeit kennen beispielhaft für das Leben in der ruhr area, sondern auch Industriearbeitswelt, Freizeit, Brauchtum und einige deutsche Worte. Schöne dokumentierende Bilder aus dem städtischen Leben sind zu sehen.

In dieser Winterzeit herrscht offensichtlich das, was Jahre später Smog heißen wird. So lässt sich auch die Umweltbelastung jener Zeit erkennen, eine verrauchte Luft, für die der Kommentar anerkennende Worte findet, ist dieser Rauch doch ein Beleg für die Produktivität der ruhr area.

Besprochen: So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image

Drüben im Zebrastreifenblog habe ich ein paar Worte zu einem WAZ/NRZ-Artikel geschrieben, in dem über die Präsentation einer Studie zum Image des Ruhrgebiets berichtet wurde. Die Auftraggeber der Studie waren erschreckt über das wenig veränderte Image des Ruhrgebiets sowohl bei Befragten außerhalb der Region als auch bei den Ruhrstädtern selbst. Dass eine neue Imagekampagne daran etwas änderen könnte, glaube ich nicht.

Über unsern Kohlenpott – Frank Baier singt ein Arbeiterlied als Heimatlied Ende der 1970er Jahre

Noch einmal bietet es sich an, einen Beitrag aus dem Zebrastreifenblog hier aufzugreifen. Drüben verfolge ich zwei Reihen, bei denen ich Lieder jeglicher Machart zu Duisburg und zur Ruhrstadt sammel. Eine neulich erschienene Folge in der Ruhrstadt-Reihe passt wegen ihres zeitgeschichtlichen Inhalts auch gut in diese Räume hier.

Gegen Ende der 1970er Jahre gibt der Liedermacher Frank Baier ein Konzert in Aachen. Glauben wir der Quellenangabe entstammt der Clip mit dem Lied „Über unsern Kohlenpott“ aus einem Dokumentarfilm von Florence Kraak und Klaus Helle. „Gegen Spekulanten“ habe ich als möglichen Titel gefunden. Allerdings spricht Frank Baier im Clip noch vom Anfang des Jahres 1979 und die Quelle gibt als Entstehenszeitraum 1976 bis 1978 an. So viel zur zeitlichen Einordnung.

Frank Baier – einmal mit einem Klick bei Wikipedia, einmal mit einem Klick zu seiner Seite – ist nicht nur schon seit jeher ein politischer Liedermacher, dessen Aufmerksamkeit deshalb auch dem historischen politischen Lied gilt, er versteht sich zudem als eine Art Historiograph des Ruhrgebietslieds. Zusammen mit Jochen Wiegandt hat er die Sammlung Glück auf! – Liederbuch Ruhr herausgegeben.

„Über unsern Kohlenpott“ ist eine schöne Liebeserklärung an die Region, in der verbesserbare Lebensverhältnisse der Arbeiter subtil zusammengebracht werden mit dem vordergründig beschriebenen Naturerlebnis Ruhrgebiet. Ende der 1970er Jahre war die Naturlandschaft Ruhrgebiet als öffentliches Bild noch eine sehr viel größere Sensation als heute. Für Frank Baier waren TV-Bilder dieser Naturlandschaft Anlass für das Lied. Frank Baier besingt die Landschaft und kontrastiert diese Freizeitlandschaft mit der „Maloche“. Es klingt ironisch, wenn alle, die so „schön schuften“, sich noch gratis Luft und Wasser warm machen. Schließlich geht es in der letzten Strophe um ein gar nicht mehr so schönes Leben als Malocher. So macht sich ein weiterer Sinnzusammenhang bemerkbar. Abhängigkeitsverhältnisse deuten sich an. Irgendjemand, der ungenannt bleibt, ist verantwortlich für die Lebenssituation der Malocher. Das ist anders als in den Texten der Gegenwart, in denen meist nur ein Zustand harten Lebens beschrieben wird. Nicht einmal indirekt gibt es noch Adressaten, denen Verantwortung für dieses Leben aufgebürdet wird.