Das junge Licht scheint heller als die Brennende Ruhr

Am Freitag nächster Woche bin ich ab 19 Uhr in der Buchhandlung Tausendundein Buch in Neudorf, Oststraße 125, zu Gast. Dort werde ich dieses Mal nicht eigene Texte lesen, sondern an die Wirklichkeit von Arbeitern im Ruhrgebiet anhand von Erzählungen und Romanen aus dem Ruhrgebiet erinnern. Das Ganze ist ein unterhaltsamer Überblick. Dramatisch geht es dabei zu, komisch und immer wieder auch informativ, wenn ich zusätzlich Literatur- und Ruhrgebietsgeschichte hervorkrame. Als Programmankündigung sieht das so aus:

Das Junge Licht scheint heller als die brennende Ruhr

Die Arbeit in der Montanindustrie  – Das war nicht nur die Arbeit unter Tage und an den Hochöfen. Der Bergbau und die Industriearbeit prägten Mentalität sowie Alltag in Familien und im täglichen Miteinander auf der Straße. Gewohnheiten und Haltungen aus dem Pütt bestimmten, was richtig und was falsch war. In Arbeitersiedlungen traf Wohlverhalten bei Komplettversorgung durch die Zechen auf Mitbestimmungswillen von Arbeitern. Im Bandoneonorchester lernten Bergleute Instrumente spielen. In Vereinsheimen wurde eigene Kultur geschaffen. Der Autor Ralf Koss hat Texte zusammengestellt, in denen sich die Lebenswelt der Arbeiter wiederfindet. Ob in Karl Grünbergs „Brennende Ruhr“, in Max von der Grüns Romanen oder in den Krimis von Peter Kersken, ob in den 1920er Jahren oder in der Gegenwart, der Bergbau und die Industriearbeit wirkten sich auch auf die Literatur aus. Ralf Koss stellt Ruhrgebietsromane sowie ihre Autoren vor und wirft einen unterhaltsamen Blick auf Literatur- und Zeitgeschichte.

Ort: Tausendundein Buch, Oststraße 125, 47057 Duisburg. Kartenbestellung: Telefon 0203.35 66 75
Zeit: Freitag, den 22. Januar 2019, 19 Uhr
Eintritt: 5 Euro

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Smog im Ruhrgebiet 1973

Der 1973 ausgestrahlte TV-Film Smog von Wolfgang Menge zeigt als Katastrophenthriller die Folgen der Luftverschmutzung im Ruhrgebiet. Menschen sterben, Verantwortliche sind überfordert, niemand im Ruhrgebiet kann der Gefahr der lebensbedrohlichen Luft entgehen. Dennoch geht das Leben weiter. Ein Fußballspiel im Duisburger Wedaustadion findet statt – im Film unten beginnt es ab Minute 26.45. Der MSV Duisburg spielt gegen Borussia Dortmund, und plötzlich sinkt am rechten Flügel ein Spieler der Zebras mit Atemnot zu Boden.

Bernard Dietz zeigt schon damals jenes schauspielerische Können, das heute für viele Fußballer die Regel ist. Damals allerdings wird kein Foulspiel gepfiffen, sondern es herrscht Entsetzen. Eine Trage für „Ennatz“ muss her. Das Spiel wird abgebrochen. Die Lage wird immer bedrohlicher.

Angesichts der Produktionsbedingungen von Fernsehfilmen heute beeindruckt der Aufwand, mit dem dieser TV-Film damals gedreht wurde. Durch die vielen Szenen aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets erhält die Fiktion der Smogkatastrophe einen dokumentarischen Charakter.

Der Film thematisiert zudem den medialen Umgang mit der Katastrophe. Auch damit wird er gleichsam zur vorhersagenden Dokumentation jenes Jahres 1985, in dem im Januar tatsächlich Smogalarm der Stufe III ausgerufen wird. Der Wirklichkeit 1985 fehlt die Zuspitzung zur Katastrophe. Es fehlt die fiktionale Verdichtung des Geschehens zur Vergiftung, also der schnell auftretenden gesundheitlichen Gefährdung, mit der im Film die Luftverschmutzung immer wieder bebildert wird. Langsam ablaufende Prozesse entgehen der sinnlichen Wahrnehmung und müssen dem Bewusstsein vermittelt werden. Der Klimawandel mit seinen Folgen verweist  heute täglich darauf.

 

 

 

Ein Radiogespräch beim Bürgerfunk Moers

Anfang November war ich bei Helmut Hahues vom Bürgerfunk Moers zu Gast und habe mich mit ihm über meine Arbeit unterhalten. Es war mein persönliches Vorprogramm zu dem Heimspiel des MSV gegen den SC Paderborn, wie auf dem Foto unten leicht zu erkennen ist. Gutes Gespräch, gutes Spiel: Der Heimsieg folgte als Hauptprogramm.

Am 11. November wurde das Gespräch dann gesendet, bei dem wir uns zunächst über meine Fußballbuchprojekte unterhalten en haben, über 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und über Mehr als Fußball, kamen wir auf die Geschichte des Ruhrgebiets zu sprechen. Dabei hatte ich auch die Gelegenheit einen Text aus 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen zu lesen, jenen Text über die „Zeche Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort, ab Minute 12.35.

Und was die Bücher angeht, bleibt noch das Stichwort Weihnachtsgeschenke. Die Fußballorte im Ruhrgebiete gibt es zusammen mit Mehr als Fußball für 20 Euro statt früher knapp 30 Euro. Die Fußballorte alleine kosten 8,90 Euro statt früher 14,95 Euro. Mehr als Fußball alleine kostet 14,90 Euro. Einfach oben klicken und bestellen. Wenn ihr in Duisburg oder näherer Umgebung wohnt, bringe ich die Bücher auf meinen Wegen durch die Stadt vorbei, sonst kommt Versand noch hinzu.

Lesetipp: Eine Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945

In den Jahren 2016 und 2017 verbrachte der ehemalige Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl einige Zeit im Ruhrgebiet. Er wollte diese Städteregion näher kennenlernen. Er wollte die spezielle Entwicklung der Industrieregion begreifen und die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets nachvollziehen. Er sprach mit Politikern und Unternehmern, mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Er sprach mit den Menschen vor Ort, die das Ruhrgebiet beobachten, über dessen Eigenheiten nachdenken und die Wirklichkeit dort gestalten.

Der fremde Blick macht frei für Erkenntnis. So schrieb er mit „Groß denken, groß handeln“ nach seiner Recherche ein Buch, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 als von Menschen gestalteter Prozess deutlich wird. Von Schwierigkeiten und Hemmnissen des steten Strukturwandels im Ruhrgebiet war schon oft zu lesen. Seinen besonderen Zugang findet nun Gerhard Spörl, indem er sein Augenmerk auf Entscheider mit ihren Vorstellungen und Interessen innerhalb des geschichtlichen Verlaufs legt. Unternehmerisches und politisches Handeln nimmt er beim Strukturwandel etwa als wechselseitig sich bedingende Einflussgrößen detailliert in den Blick.

Den Strukturwandel macht er dadurch zu einer spannenden Wirtschaftsgeschichte. Nachdem er das Entstehen des Ruhrgebiets grob skizziert hat, gleicht das Buch einer langen Reportage. Ob es um die Mentalität im Ruhrgebiet geht in Adolf Winkelsmanns Filmen oder Frank Goosens Literatur, ob Politikerangst vor Arbeiteraufständen beschrieben wird oder die von Paul Mikat angestoßene Entwicklung der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet, immer ist der Ausgangspunkt seine Erzählens der Mensch des Ruhrgebiets im Miniporträt.

So wird aus der Ruhrgebietsgeschichte mit dem Blick auf den Ausstieg aus der Kohleförderung fast schon eine Managerbiografie von Werner Müller, der unlägst wegen seiner schweren Erkrankung als Chef der RAG-Stiftung hat zurücktreten müssen. Gerhard Spörl zeigt, wie er als Einzelgänger in der Energiebranche sich mit seinen Ideen zu einem sozial verträglichen Strukturwandel hat durchsetzen können. Spannend enfaltet Spörl den vielstufigen Weg der Veränderung in den Energie-Unternehmen, von denen die wirtschaftliche Lage im Ruhrgebiet abhängig war. Je nach Situation wurden Netzwerke geknüpft als Koalitionen der Macht. Die Beteiligten taktierten, Müller verlor scheinbar, um schließlich unerwartet zum richtigen Zeitpunkt dennoch wieder Rückwind zu bekommen.

Werner Spörl ist dem Ruhrgebiet sehr nahe gekommen. Mit seinem Blick von außen hält er trotz aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein wiedererstarktes Ruhrgebiet für möglich. Mit dem Abstand werden Stärken und neues Denken sichtbarer als in den Städten des Ruhrgebiets selbst.

Groß denken, groß handeln

Gerhard Spörl
Groß denken, groß handeln
Piper Verlag
Hardcover, 320 Seiten
€ 22,00

EAN 978-3-492-05849-0

Lesung – Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau

Am Donnerstag, der 9. November, bin ich ab 19 Uhr in der Duisburger Buchhandlung Tausendundein Buch zu Gast. An dem Abend wird es zwar auch um Fußball gehen, allerdings als Teil der Ruhrgebietsgeschichte. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ heißt das Programm des Abends – kein Hutkonzert, sondern Hutlesung. Wir sehen uns in Neudorf bei Tausendundein Buch, Oststraße 125.

Wasch dir bloß auch den Hals! Ohne diese Mahnung wuchs lange Jahre im Ruhrgebiet niemand auf. Nicht nur daran erinnert Ralf Koss, wenn er erzählt, wie aus Dörfern, Kleinstädten und zwei Hansestädten durch Zechen und Stahlwerke das Ruhrgebiet geworden ist. Der Himmel über der Ruhr ist heute wieder blau geworden. Der Dreck auf den Straßen ist verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Das Ruhrgebiet sucht nach seiner Identität. Deshalb wirft Ralf Koss den Blick auch auf die vernachlässigte Geschichte der Region. Denn Stadtluft machte in den Hansestädten Dortmund und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball feierte Meisterschaften und stellte DFB-Präsidenten. Sinfonien wurden uraufgeführt und Orchestermusikern Zuflucht gewährt. Ralf Koss nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

Bewegtbilder vom Innenhafen Duisburg aus dem Jahr 1995

Das Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst verrät durch seinem Namen immer noch, was im Innenhafen, dem Standort des Museums, über Jahrzehnte Hauptumschlaggut gewesen ist. Bis in die 1960er Jahre wurde von hier aus das Ruhrgebiet mit Mehl versorgt. Entsprechend blumig wurde zuweilen vom „Brotkorb des Ruhrgebiets“ wahrscheinlich eher geschrieben als gesprochen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde aber  zunächst vor allem Holz umgeschlagen. Die Zechen brauchten Grubenholz.

Der Wandel vom Industriehafen zum Wohn- und Freizeitquartier sowie zur Adresse für Büroraum vollzog sich ab Mitte der 1990er Jahre. Der Hafen gehörte zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Den Masterplan zum Umbau legte 1994 der britische Architekt Lord Norman Foster vor. Beendet ist der Hafen-Umbau noch nicht. Offensichtlich wird das an der Rundung des ehemaligen Holzhafens, wo hinter der fertiggestellten Freitreppe die Errichtung des geplanten Gebäudeensembles bislang gescheitert ist.

Der Clip zeigt das Innenhafengelände kurz vor der Beginn der Bautätigkeiten. Die digitalisierten Super-8-Aufnahmen sind ungeschnitten online gestellt. Bis Minute 5.11 gibt es Impressionen vom Hafenbecken aus verschiedenen Perspektiven. Bis zum Ende folgen Straßenansichten des Hafenareals.

Wir sind alle keine Beckenbauers – ein großartiger Film aus dem Jahr 1978

Der Verlag heißt „Syndikat – Autoren- und Verlagsgesellschaft“. Dort erscheint 1978 mit „Sind doch nicht alle Beckenbauers“ ein Buch über den Fußball des Ruhrgebiets. Rolf Lindner, ein Soziologe, und Heinrich Th. Breuer, ein Psychologe, versuchen als erste die besondere Bedeutung des Fußballs für die Region zu beschreiben und in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen. Schon der Name des Verlags verweist auf den Zeitgeist, der diese Beschreibung durchdringt. Gesellschaftskritik, Emanzipation der Arbeiterschaft, die Arbeiter-Wirklichkeit wichtig nehmen, das klingt immer wieder an, egal ob die Eltern von Rüdiger Abramczik interviewt werden, über den SV Sodingen geschrieben wird oder über das Leben in der Bergarbeiterstadt Bottrop.

Die Autoren haben nicht nur ein historisches und soziologisches Interesse an ihrem Thema. Sie ziehen Schlüsse aus ihren Beobachtungen, mit denen sie strukturpolitische Entscheidungen nach dem Schließen der Zechen kritisieren. So zeigt das Portrait einer Straßenmannschaft aus Bottrop-Boy eine schon damals untergehende Welt der Arbeiterfamilien. Sie wird bestimmt durch Zusammenhalt und den Stolz auf das eigene Leben.

Wahrscheinlich ist die Dokumentation über diese Straßenmannschaft parallel zur Arbeit an dem Buch entstanden. Wir sind alle keine Beckenbauers ist ein großartiger Film von Lucas Maria Böhmer. Der Autor Rolf Lindner wird als Berater des Filmemachers im Abspann aufgeführt. Diese Dokumentation beschränkt sich nicht auf die Reportage. Lucas Maria Böhmer hat wunderbare Bilder des Ruhrgebiets der 1970er Jahre eingefangen und die Stimmen aus der Robert-Brenner-Straße in Bottrop-Boy zu einer begeisternden Milieustudie zusammengeschnitten – ein Milieu, das es heute mit diesem Stolz und der selbstbewussten Identität nicht mehr gibt.