Ein Jubiläumsgeschenk für 25 Jahre Pütt 1939

Die 1986 verstorbene Anna Mertens wohnte bis zu ihrem Tod in Duisburg-Meiderich in jener Wohnung, die sie vermutlich in den 1950er Jahren bezogen hatte. In dieser Wohnung gab es das Schlafzimmer und die Küche mit Sofa sowie zwei Stühlen an einem Tisch. Der diente zur Küchenarbeit und zu allem anderen. Die BILD-Zeitung, die WAZ und die Glück aus der Lottoannehmestelle wurden dort gelesen. Dort wurden Einkaufslisten geschrieben. Mit den Kindern des Besuchs spielte man Karten. Gegessen wurde auch an dem Tisch. Das Spülbecken in der Küche war die Waschgelegenheit. Daneben stand der Fernseher. Ein Bad gab es nicht. Im Schlafzimmer wurde sich nur an- und ausgezogen sowie geschlafen. Eine Toilette ohne Heizmöglichkeit befand sich auf halber Treppe im Hausflur. Wenn sie baden wollte, besuchte sie ihren Bruder, der in einem Einzimmerappartement auf der Stolzestraße wohnte. Auch das waren Lebensverhältnisse in den 1980er Jahren für eine Frau, die im Alter von 82 Jahren starb.

Anna Mertens‘ Ehemann Hermann muss um 1960 gestorben sein. An ihn erinnerte ein Portraitfoto an der Wand und ein gerahmtes Bild, das ihm zu seinem 25-jährigen Berufsjubiläum geschenkt worden war. Fast alles, was ich über ihn weiß, steht auf diesem Bild anlässlich seines Jubiläums. Anscheinend hatte er eine Lehre als Elektriker bei AEG gemacht. Nach der Lehre begann er auf dem Kampschacht der Zeche Westende zu arbeiten. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Schenkenden hielten ihn für mutig. Er ging mit seiner Frau ins Kino. Er hatte einmal unter Tage Gas entdeckt. Was das in seiner Zeit bedeutete, müssten mir Bergbau-Fachleute erzählen.

Ebenso müssten sie mir deuten, wer dieses Geschenk überreichte. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass es sich um ein offizielles Geschenk des Bergwerkunternehmens handelt. Andererseits klingt die Anrede aber danach: „Unserem lieben Mitarbeiter“? Oder war „Mitarbeiter“ damals das heute übliche „Kollege“? Auch Sprachhistoriker könnten also das Rätsel lösen.

Begonnen hat die Geschichte der Zeche Westende in Meiderich. Auf der Seite Ruhrgebietszechen findet sich die Historie der Zeche ausführlich beschrieben. Fotos des Geländes aus der jüngsten Vergangenheit ergänzen den Text. Schacht I/II befanden sich gegenüber der Fläche des Vereinsgeländes vom MSV Duisburg. Deshalb heißt die Straße dort Westender Straße.

Die Einfahrt zum ehemaligen Kampschacht befindet sich viel weiter nordwestlich, an der Verbindungsstraße zwischen Meiderich-Berg und Laar. Auch auf Fördergerüste.de ist der Zeche Westende ein Unterkapitel samt historischen Fotos gewidmet.

So ein Jubiläumsgeschenk ist im Erzählen der Allgemeingeschichte verschwunden. Es rückt aber die Menschen in den Vordergrund, die auf der Zeche gearbeitet haben. Ich wäre deshalb dankbar für detaillierte Deutungen des Jubiläumsgeschenks in den Kommentaren.

Widerstand im Nationalsozialismus – Die Hamborner Brotfabrik Germania

Im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort gibt es im Frühjahr mit der HofKultur normalerweise eine Veranstaltungsreihe, bei der Kulturschaffende zu jährlich wechselnden gesellschaftspolitischen Themen ein Programm gestalten. Meist wird eine besondere Mischform von Konzert und Lesung dargeboten. In diesem Jahr war das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren der Anlass zu Gedenken und Erinnerung. Corona machte die Live-Auftritte unmöglich. So möchte ich heute und in einer weiteren Folge zumindest auf zwei der Programme hinweisen, die online verfügbar sind.

Das erste Programm war als Gedenken an Duisburger geplant, die in den ersten Jahren des Nationalsozialismus gegen die Diktatur Widerstand geleistet hatten. Das organisatorische Zentrum dieses Widerstands befand sich in der Hamborner Brotfabrik Germania.

Auch ich hatte mich für unser Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen mit der Geschichte dieser Menschen beschäftigt. Umso erfreuter war ich, als ein paar Wochen nach der geplanten Veranstaltung statt des Live-Geschehens das Programm per Video erlebbar wurde.

Nicht nur an die unterschiedlichen Schicksale jener Duisburger im Widerstand erinnert das Programm. Gedanken und Handeln von Menschen werden bei drohender Gewalt werden erfahrbar. Politische Lieder sind zu hören. Sie waren oft ein Versuch, Mut zu geben in Zeiten der Verfolgung.

Bühne frei für

Folkert Küpers – Sprecher und Kurator
Barbara Wedekind – Sprecherin
Cello Eike von Schmeling – Gesang, Flöte
Detlef von Schmeling – Gesang, Gitarre
Clemens Graefen – Gesang, Gitarre, Bass

Wer sich das Video auf Youtube anschaut, findet in den Infomationen eine Setlist der Beiträge mit Minuten-Angabe.

Im Wikipedia findet sich ein Artikel zur Brotfabrik Germania. 

Ein kurzer Eintrag zum Sozialdemokraten Helmut Runge findet sich auf der Seite Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Zwar ging die Welt davon nicht unter – Premiere am 15.11.

Im Februar und März dieses Jahres habe ich mich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs intensiv beschäftigt. Ich arbeitete an einem Lese- und Hörstück für eine Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 1945, jenem Tag vor 75 Jahren, als mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde der Zweite Weltkrieg in Deutschland beendet war.

Ich las vom Nazi-Terror in den letzten Kriegstagen, der die Deutschen zum Weiterkämpfen zwingen sollte. Ich las von Deutschen, die sich sinnlosen Befehlen widersetzten. In manchen Gemeinden waren es Gruppen von Frauen, die von den lokalen Nazi-Führern das Niederlegen der Waffen verlangten. Der kaum bewaffnete Volkssturm sollte ja in vielen Gemeinden die Alliierten aufhalten. In anderen Orten waren es einzelne Personen, meist Männer, die versuchten, den Kampf unmöglich zu machen. Ich las von den Zufällen, die darüber entschieden, ob dieser Einsatz für einen Waffenstillstand zur sofortigen Exekution führte. Denn den Tod riskierten alle, die sich den Alliierten ergeben wollten. Manchmal gab es nicht einmal ein Standgerichtsverfahren, aber manchmal resignierte ein lokaler Nazi-Führer unerwartet und gab die Diktatur im Lokalen auf. Nichts war vorhersehbar.

Ich befragte aber auch Duisburger zu ihren Erinnerungen an die letzten Kriegstage. Ich hörte vom Kinderleben in einem zerstörten Duisburg. Ich hörte von alltäglicher Todesgefahr und dem Aufwachsen im Nebeneinander vom Spiel auf den Straßen, wo der Blick ein Tag zuvor noch auf Leichen gefallen war.

Ich wollte solche erzählte Geschichte und Historikerstimmen zum Kriegsende zusammenbringen. Allerdings dachte ich auch, für ein bedeutsames Gedenken an das Kriegsende in diesen Tagen reicht es nicht an Gewalt und Folgen des Nationalsozialism zu erinnern. Es reicht nicht, daran zu erinnern, dass die Nationalsozialisten lange Zeit auf eine breite Zustimmung unter der deutschen Bevölkerung zählen konnten. Es reicht nicht daran zu erinnern, dass für das durch den Krieg erlittene Leid bei demokratischen Wahlen die Grundlage gelegt wurde. Ich wollte meinen Blick auch auf die Zeit vor 1933 werfen, in der die NSDAP für viele Deutsche zur Partei ihrer Wahl wurde. Ich wollte zeigen, was die Erfahrungen der Jahre zwischen 1929 und 1933 mit unserer Gegenwart zu tun hat, in der Rechtsextreme und national-autoritär gesinnte Politiker selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftreten und Gehör finden.

Dann kam Corona, und die Veranstaltung musste abgesagt werden. Sie wurde auf ein unbestimmtes Datum verlegt in den Herbst. Ich unterbrach meine Arbeit, weil ein Buch mit einem anderen Thema eher fertig sein musste als das Manuskript für die Veranstaltung. Vor etwa sechs Wochen habe ich die Arbeit am Manuskript wieder aufgenommen. Das Stück ist nun fertig. Es hat am 15. November in Ruhrort seine Premiere. Ich freue mich darauf.

Ein Schatz der lokalen Pott-Geschichtsschreibung im Netz

Lokalgeschichte interessiert mich immer, egal zu welcher Stadt, zu welcher Region. Denn oft beschäftigen sich Lokalhistoriker für ihre Studien sehr intensiv mit dem Alltag in der vergangenen Wirklichkeit. Zusammen mit der Ereignisgeschichte werden dann Lebensweisen deutlich. Eine allgemeinere Sozial- und Kulturgeschichte wird ableitbar. Alltagsgeschichte wird oft direkt erzählt.

Ein Schatz solcher Lokalgeschichtsschreibung findet sich seit kurzem im Netz. Die Duisburger Mercator-Gesellschaft hat die von 1957 bis 2013 von ihr herausgegebenen 59 Bände Duisburger Forschungen online gestellt. Mit einem Klick geht es zur Seite, die selbsterklärend ist. Der benutzte Reader war für mich etwas gewöhnungsbedürftig. Es fällt mir dennoch schwer, mich nicht in diesen unzähligen Seiten Lokalgeschichte zu verlieren.

Duisburg im Kriegstagebuch von Erich Kästner

Momentan beschäftige ich mich für ein Lese- und Hörstück mit dem letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Dazu habe ich mir auch „Das Blaue Buch“ von Erich Kästner vorgenommen. Er schrieb sein „Geheimes Kriegstagebuch“ von 1941 bis 1945. Seine Bücher hatten die Nazis verbrannt. Dennoch war er in Deutschland geblieben, was seinerzeit verwunderte und heute aus seiner Persönlichkeit heraus vielschichtig deutbar wäre.

Unter seinem wahren Namen durfte er nicht mehr publizieren. Doch auch der Nationalsozialismus kannte Klüngel, und so konnte er bis 1943 mit Kollegen unter Pseudonymen schreiben und damit Geld verdienen. Sogar das Drehbuch für den UFA-Film Münchhausen war sein Werk. Erst danach war ihm jegliches Schreiben zum Lebensunterhalt untersagt.

Wie populär ist Erich Kästners Werk für Erwachsene eigentlich heute noch? Ein paar seiner Gedichte gehören ja zur Standardsetlist der meisten Lyrik-Compilations. Ist sein Roman „Fabian“ aber noch Schullektüre? Ich weiß es gar nicht. Sei es drum, in seinem geheimen Tagebuch waren auch Zeitungsausschnitte eingeklebt. Einer dieser Ausschnitte, eine Todesanzeige, verweist auf die Duisburger Lebenswirklichkeit im Mai 1943. Kommentarlos war sie eingefügt.

Die Anzeige war in der Kölnischen Zeitung erschienen. Ob auch in der Duisburger Presse eine Anzeige erschien, müsste recherchiert werden. Die Familie muss wohlhabender gewesen sein. Darauf deuten sowohl die Anzeige außerhalb von Duisburg als auch die „langjährige, treue Hausgehilfin“ Käthe Hoff hin, der die Todesanzeige ebenfalls gilt.

Die Todesanzeige macht sehr wahrscheinlich die Folgen eines Luftangriffs auf Duisburg erkennbar. Diese eine Todesanzeige gilt gleich acht Verstorbenen. Die Ursache wird nicht beim Namen genannt. Ein „tragisches Geschick“ habe die Toten ereilt.

Der Ehemann von Franziska Zimmermann überlebte. Warum war Josef Zimmermann nicht zu Hause, als die Bomben fielen? Musste er sich schon für den Kriegsdienst an einem anderen Ort bereit halten? Noch war er ein „Hauptmann der Reserve zur Verfügung“. Den Zusatz deute ich so, dass er vermutlich eben noch nicht im Einsatz war.

Eine seiner Töchter und der Schwiegersohn Ferdinand Bolte lebten in Osnabrück und waren mit ihren zwei Kindern anscheinend zu Besuch in Duisburg.

Erich Kästner wurde wahrscheinlich durch die hohe Opferzahl aufmerksam, gleichwohl muss die Todesanzeige für ihn etwas ausgesagt haben, was über dieses persönliche Schicksal hinaus führt. Meines Erachtens haben die Toten in Duisburg für ihn auf die Kriegslage im Mai 43 im Allgemeinen hingewiesen und damit auf ein Schicksal, das der gesamten deutschen Bevölkerung hat drohen können. Deutsche Truppen hatten am 12. Mai in Nordafrika kapituliert. An der russischen Front mehrten sich die Zeichen der russischen Armee unterlegen zu sein. Seit Anfang 43 unterstützte die US-Luftwaffe die englischen Bombardements auf deutsche Städte. Während die Propaganda etwas anderes erzählt, offenbart sich die Wirklichkeit für Kästner im Leid der Bevölkerung und Zerstörung deutscher Städte.

Die Beerdigung der Duisburger Opfer fand auf dem Ehrenfriedhof statt. Dieses abgrenzte Terrain war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf dem damals Neuer Friedhof genannten heutigen Waldfriedhof für gefallene Soldaten angelegt worden. Ob zu dem Zeitpunkt auch schon an zivile Opfer gedacht worden ist?

Vor 75 Jahren gab es keinen Fußball in Deutschland

Heute vor 75 Jahren trat die bedingslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Generaloberst Jodl hatte am Tag zuvor die Kapitulationsurkunde in Reims unterzeichnet. Wir sparen uns die Geschichte der Wiederholung in Berlin. Warum schreibe ich heute über dieses Kriegsende, da an Fußball in dieser Zeit niemand dachte?

Mit meinem Gedenken könnte ich erinnern, dass vom Kriegsende an die Verbrechen der Nationalsozialisten auch in Deutschland Verbrechen genannt werden durften. So könnte ich über Fußballer wie den Nationalspieler Julius Hirsch schreiben, der in Auschwitz wegen seines jüdischen Glaubens ermordet wurde. Er steht für viele weniger prominent gewordene Opfer der Nazis in ganz Deutschland, unter denen sicher Menschen waren, die den Fußball liebten und, weil sie Gewerkschafter, Sozialdemokraten oder Kommunisten waren, von den SA-Trupps der Nazis sofort nach der Machterübernahme 1933 ermordet wurden.

Ich könnte über Fußballspieler des MSV Duisburg schreiben, die im Krieg gefallen sind. Ich kenne keine Namen. Überhaupt weiß ich wenig über den MSV Duisburg in der Zeit des Nationalsozialismus. Womöglich gibt es schon Literatur? Womöglich ist da eine Lücke der Historie, die gefüllt werden sollte.

Bediene ich damit die Rituale des üblichen Gedenkens, bei dem mancher der Leser hier schon die Augen verdreht? So oft wurde von den Gräuel der Nazis gesprochen. Immer wieder wurde nachdrücklich versucht, die bestehende Verantwortung in der jeweiligen Gegenwart für die gesamte deutsche Geschichte bewusst zu machen. Kann das nicht endlich einmal vorbei sein?

Schon bald nach Kriegsende gab es dieses Aufstöhnen in Deutschland, wenn vom Nationalsozialismus geredet werden sollte. Schon im Mai 1945 waren die Nazis in Deutschland verschwunden. Komplett. Diese Erfahrung machten nicht nur Journalisten aus aller Welt, auch die Deutschen selbst staunten in Tagebüchern und Briefen, wo all die Parteimitglieder geblieben waren. Niemand war wirklich ein Nazi gewesen, außer denen da oben, die jetzt ja, Gott sei Dank, ihre Strafe durch die Alliierten bekommen sollten. Es gab immer harmlose Gründe, um in die Partei eingetreten zu sein. Deshalb war es doch nur zu verständlich, wenn später endlich Schluss sein sollte mit dem Erinnern. Auch von den damaligen Kindern wollten viele als Erwachsene bis in die Gegenwart hinein das Reden von der besonderen Verantwortung beendet wissen. Da wurde es dann auch verständlich für viele, die Helmut Kohls „Gnade der späten Geburt“ erfahren hatten. Das waren prominente Deutsche auf Podien und weniger prominente in privaten Gesprächen.

Doch jedes Gedenken kann lebendige Beschäftigung mit der Vergangenheit sein, um etwas über sich selbst zu begreifen, um das eigene Handeln und dessen mögliche Folgen besser zu verstehen, um die Bedingungen von sozialen Ereignissen zu erkennen. Denn der Wahlerfolg der Nazis war ein soziales Geschehen. Er kam nicht über die deutsche Gesellschaft als plötzliches Schicksal. Die Deutschen handelten. Viele ermöglichten durch Sprechen und Schreiben, das gehandelt werden konnte. Und das hieß, den Nazis die Macht überlassen.

Darum geht es beim Gedenken: wie können wir dazu beitragen, wie können wir verhindern, dass ein demokratisches Land Politikern die Macht ermöglicht, die zuvor schon mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit gesprochen haben? Die Nazis hielten sich auch mit Terror an der Macht. Sie wurden aber zugleich von der Zustimmung der deutschen Bevölkerung getragen.

Momentan erleben wir die Diskussion, ob dieser 8. Mai auch in Deutschland Feiertag sein kann. Der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland erklärte, er könne so einen Feiertag niemals begehen. In dem Fall zeigt sich Alexander Gauland allerdings nicht sehr klug, weil er doch glauben machen möchte, wie fern nationalsozialistisches Denken seiner Partei sei. Welch einfaches Entlastungszeugnis könnte sich die AfD ausstellen lassen, wenn auch diese Partei sich für den 8. Mai als Tag der Befreiung einsetzte.

Darin zeigt sich das Zwiespältige für jeden Deutschen, wenn er auf den 8. Mai nur als Tag der Befreiung schaut. Ein Tag der Befreiung könnte auch den wahrhaftigen Blick auf die Vergangenheit behindern. Er könnte der alten Erzählung von den Nazis, die immer die anderen waren, neue Kraft geben. Der Nationalsozialismus kam nicht von Außen auf ein unschuldiges Land, das dann von den Guten zum Glück befreit wurde. Der Nationalsozialismus entstand aus der deutschen Gesellschaft heraus. Wähler gaben ihre Stimme den Nationalsozialisten, obwohl Hitler und Goebbels sich zu ihren Absichten gegenüber den politischen Gegnern offen bekannten. An die Macht aber kamen die Nazis erst, weil nationalkonservative Politiker glaubten, mit ihnen für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen paktierten zu können

Alexander Gauland kommt sein rechtskonservativer Nationalismus beim Blick auf das Kriegsende in die Quere. Deshalb kann er in dem Fall nicht taktisch handeln. Ihm ist es unmöglich, seine Partei vom rechtsextremen Denken reinzuwaschen, indem er einen Feierttag der Befreiung befürwortet. Ihm ist es unmöglich, weil mit der „absoluten Niederlage“ der deutschen Wehrmacht seiner Meinung nach auch der Verlust deutscher Gestaltungsmöglichkeiten einherging.

Das kommt dabei heraus, wenn man sich wie Alexander Gauland nicht der gesamten historischen Wahrheit stellt. Diese Gestaltungsmöglichkeiten hatten sich trotz der Niederlage nämlich angedeutet. Großadmiral Dönitz als Nachfolger von Adolf Hitler führte nach Kriegsende noch für wenige Tage eine deutsche Regierung weiter an. Es gab Kabinettssitzungen, bei denen die Illusion gelebt wurde, eigenständig verantwortlich für Deutschland zu sein. Heute kurios anmutende Gespräche gab es, bei denen Dönitz keinen Zweifel daran ließ, welche Zukunft er für Deutschland sah. Er brach nicht mit Adolf Hitler. Etwas anderes als einen Führerstaat konnte er sich nicht vorstellen. Parteien hatten laut Dönitz weiter nichts in einem Deutschland der Volksgemeinschaft zu suchen.

Das sind die Handlungsmöglichkeiten, die Alexander Gauland vielleicht nicht im Sinn hatte, die aber nur vorhanden gewesen sind, wenn das Kriegsende nicht grundsätzlich als Tag der Befreiung angesehen wird. Wer sich auf Handlungsmöglichkeiten der Deutschen bezieht, kann nur die damaligen Machthaber ohne Macht meinen. Denn wenn es die nicht sein sollen, wären es die Nazis gewesen. Niemand anders stand für Deutschland 1945. Nur diese Männer hätten Handlungsmöglichkeiten gehabt, wenn der Krieg nicht verloren gegangen wäre. Wer sich also auf den Verlust von Handlungsmöglichkeiten durch das Kriegsende bezieht, greift die Demokratie der Gegenwart an. Er schreibt eine autoritäre Regierungsform in der Gegenwart fort. Weil das momentan aus allen möglichen Ecken geschieht, erinnere auch ich heute an das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am 5. März 1933 stimmten 33,77 Prozent der Duisburger für die NSDAP. Zwölf Jahre später sah Duisburg beim Überflug so aus wie in den folgenden zwei Clips.

Der Torschrei – Ein Denkmal für den unbekannten Fußballzuschauer?

Längst wissen wir ja aus den interessierten gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen, dass Fakten zu einem Geschehen allenfalls neben den dazu vorhandenen Gerüchten und Lügen weitergegeben werden. Sie können Gerüchte und Lügen nicht eindämmen. Sind Gerüchte und Lügen einmal in der Welt, bleiben sie in der Welt und werden weitergegeben. Die Psychologie weiß dann auch etwas dazu zu sagen.

Das sage ich nur, weil ich heute von einem der Gerüchte erzählen will und ich weiß, dass ich damit einem erkalteten Gerücht, einer Art Mythos, womöglich wieder Lebendigkeit einhauche. Diese Harmlosigkeit erlaube ich mir, selbst wenn viele irrlichternde Stimmen zu Corona zurzeit im Netz den irrationalen Voraussetzungen beim Entstehen einer öffentlichen Meinung und dem sich daraus ergebenden persönlichen Verhalten einen sehr ernsten Hintergrund geben. Das ist eine Geschichte für sich.

Mir geht es heute um die Zuschauer im Fußball und deren Bedeutung für den Sport. Der professionelle Fußball der Gegenwart als Warenangebot für den TV-Zuschauer verwandelt sich in seinem Wesen ohne Stadionbesucher. Nicht von jetzt auf gleich, aber mit der Zeit würde dieser Fußball als reines Konsumangebot für das Fernsehen ein anderer Sport. Die vorhandene Zuschauerkulisse wirkt auf verschiedenen Ebenen. Sie nimmt Einfluss auf das Spiel selbst. Aber das Spiel orientiert sich in Teilen ja auch an den Reaktionen der Zuschauer. Wenn diese Wirkmechanismen fehlen, wird es eben anders.

Wie charmant wäre es angesichts der momentanen Debatte um die Geisterspiele, gäbe es ein „Denkmal des unbekannten Fußballzuschauers“. Seit Ende der 1950er Jahre herrschte für lange Zeit in Herne die Ansicht, die Stadt besäße ein einzigartiges Denkmal in Deutschland. Ein Mythos entstand, der wahrscheinlich mit Zeitungsmeldungen wie dieser seinen Anfang nahm.

Die Entstehungsgeschichte dieser Skulptur wird auf der sehr schönen Seite zur Lokalgeschichte von Herne von damals bis heute minutiös erzählt. Die Bildhauerin Elisabeth Hoffmann schuf die Plastik für eine neu errichtete Schule. Gedeutet wird die Skulptur in dieser Werkgeschichte als Ball spielende Jungen, die sich über ein Tor freuen.

Diese lokale Werkgeschichte macht nicht nur Lebensbedingungen von wenig bekannten Künstlern in den 1950er Jahren erfahrbar. Sie ist auch eine Medien- und Sozialgeschichte an der Basis, eine Geschichte zur Konstruktion von Wirklichkeit.

Im Clip unten ist die Skulptur zu Beginn zu sehen. Außerdem erzählt der Herner Stadtarchivar Jürgen Hagen die Geschichte allen, die dem Link zu Lektüre oben nicht folgen wollen.

Die Duisburger Stadtmeisterschaft im Fußball 1946

Der Fußball organisierte sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs recht schnell wieder und half dabei, Normalität des Alltags in den Besatzungszonen wieder herzustellen. Der sportliche Wettbewerb konnte diesen beginnnenden Alltag rhythmisieren. So wurde in Duisburg schon für die Saison 1945/1946 ein Stadtmeister ausgespielt.

Auf der der Historie des Duisburger Spielvereins gewidmeten Seite im Netz finden sich grundlegende Informationen zu dem Wettbewerb und Bemerkungen zu dem Finale, das in Hin- und Rückspiel im Mai 1946 zwischen dem Meidericher Spielverein und dem Duisburger Spielverein ausgetragen wurde.

Beide Vereine qualifizierten sich über Gruppenpiele für das Finale. Die Ruhr bildete dabei die Grenze für eine Süd- und Nordgruppe, in die die teilnehmenden Fußballvereine Duisburgs eingeteilt wurden. Im Süden spielten Duisburger SV, VfL Hüttenheim, TuS Duisburg 48/99, VfL Wedau, Duisburger FV 08, Duisburger SC 1900, Kaßlerfelder BC, TuRa 88 Duisburg, SV Wanheim 1900, SV Neuenkamp, Viktoria Buchholz und DSC Blau-Weiß 01.

Im Norden starteten Meidericher SV, SV Hamborn 07, SV Union Hamborn, SV Beeckerwerth, VfVB Ruhrort/Laar, SV Westende Hamborn, Gelb-Weiß Hamborn, Sportfreunde Hamborn 20, SV Laar 21, SV Hamborn 90, Grün-Weiß Beeck und Schwarz-Weiß Hamborn.

Das Hinspiel des Finales gewann der Meidericher SV mit 5:1 vor 12.000 Zuschauern an der Westender Straße. Der Sieg fiel laut vom DSV-Historiker zitierten Beobachter zu hoch aus: „Während dem Gegner einfach alles glückte, gelang unserer Mannschaft gar nichts. Wenn Meiderich auch besser war, so ist das Resultat viel zu hoch. 1:2 oder 2:3 wäre gerechtfertigt gewesen.“ Das Rückspiel gewann der DSV mit 1:0. Durch das bessere Torverhältnis war der Meidericher SV der erste Stadtmeister Duisburgs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Man beachte die Ehrenpreise, Ölgemälde einer Industrielandschaft, die wertvoll (!) gewesen sind. Die Zeitungsauschnitte habe ich ohne Quellenangabe und Veröffentlichungsdatum erhalten.

Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in Ruhrort – 20. Januar, 15 Uhr

Unsere geprägten Leben

Bei den 39. Duisburger Akzenten möchte ich Kriegserfahrungen von Duisburgern bei einer szenischen Lesung zu einer Art Gespräch werden lassen. Das Ganze findet im Ruhrorter Lokal Harmonie statt. Gespräch nenne ich diese Lesung deshalb, weil Duisburger sehr unterschiedliche Kriege erlebt haben. Die älteren Duisburger kennen den Zweiten Weltkrieg als Kinder und Jugendliche. Duisburger flüchteten aber auch vor den Jugoslawienkriegen der 1990er, vor den Bürgerkriegen Afrikas oder in der Gegenwart vor dem Syrienkrieg. Über die eigenen zum Teil traumatischen Erfahrungen zu sprechen ist nicht leicht. Deshalb möchte ich zur Vorbereitung der Lesung im März am 20. Januar von 15 bis 18 Uhr zu einem Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in das Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6, einladen. Aufgerufen sind Duisburger aller Generationen und Herkünfte. In dieser Erinnerungswerkstatt wird das persönliche Erleben durch Aufzeichnung zur bleibenden Zeitzeugenschaft.

Wenn an diesem Termin jemand keine Zeit hat oder wenn jemand nur im persönlichen Gespräch von seinen Erfahrungen erzählen will, kann er mich gerne über das Kontaktformular anschreiben, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.

Duisburg – die Fußballmacht der Anfänge im Westen

Noch ist der Fußball ein junger Sport in Deutschland. Doch 1905 zeigt der Duisburger SV als einer der ersten Vereine im Kaiserreich mit einem Zaun um die eigene Sportanlage, hier entsteht etwas Dauerhaftes, und das soll geschützt werden. Keine Leichenzüge zum nahe liegenden Friedhof unterbrechen nunmehr Spiele, und nicht zuletzt kann so von Zuschauern auf einfachere Weise als zuvor Eintrittsgeld genommen werden.

Manche Spieler des Duisburger SV kennen sich noch aus der Zeit, als sie Anfang der 1890er Jahre im Duisburger Turnverein von 1848 zum ersten Mal den Ball auf ein Tor geschossen haben. Auch im Ruhrgebiet sind es die jungen Söhne des Bürgertums, die sich mit dem neuen Sport Fußball gegen den Sport der Väter, das Turnen, wenden. Arbeiter haben im deutschen Kaiserreich keine Zeit, um Fußball zu spielen. Je intensiver die jungen Männer Fußball spielen, desto deutlicher wird eine Art Sportkulturkonflikt in den Turnvereinen. Dort gibt es das weiter gelebte Ideal der ganzheitlichen körperlichen „Ertüchtigung“. Sie ist eng verbunden mit dem Nutzen für das Militär. Im Fußball rückt der Wettkampfgedanke in den Vordergrund. Fußballer suchen Spannung und die besondere Leistung in Konkurrenz. Die Lösung des Konflikts ist die Trennung. Eigene Fußballvereine entstehen wie 1900 der Duisburger SV.

Die „Rotblusen“, so wird die Mannschaft ab der Saison 19095/1906 genannt, verlieren nur selten ihre Spiele. Als erster Verein der Region engagiert der DSV 1910 einen Trainer. Er kommt aus England, wo der Fußball schon professionell gespielt und entwickelt wird. Dagegen ist in Deutschland mannschaftliches Training statt individueller Körperertüchtigung kaum bekannt. Sein exklusives Wissen wird ihm mit dem damals sehr hohen Jahresgehalt von 2000 Mark entlohnt, das zur Hälfte mit den „Zaunkasse“ genannten Eintrittsgeldern gezahlt wird.

Bis 1927 gewinnt der Verein zehnmal die Westdeutsche Meisterschaft und erreicht 1913 als erste Mannschaft aus dem Westen sogar das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den VfB Leipzig, das allerdings 1:3 verloren geht. Alleine der Duisburger SC Preußen ist zeitweilig ebenso spielstark. Beide Vereine machen Duisburg vor dem 1. Weltkrieg zur frühen Fußballhochburg des Ruhrgebiets, in der Grundlagen des zukünftigen Massensports mitentwickelt werden.

Denn bis 1908 ist mit Gottfried Hinze ein Mann Torwart der Mannschaft, der zugleich als Schiedsrichter aktiv ist und im Rheinisch-Westfälischen Spielverband als Funktionär im Jahr 1902 entscheidend mitwirkt, einen regelmäßigen Meisterschaftspielbetrieb zu organisieren. 40 Vereine mit etwa 1000 Mitgliedern gibt es zu dieser Zeit in dem Verband, 23 Vereine nehmen am ersten Meisterschaftswettbewerb teil. Wenig später wird Gottfried Hinze den Zusammenschluss des Westfälischen Spielverbandes mit dem Deutschen Fußballverband voran treiben. Für all diese fußballerischen Aktivitäten bleibt dem 1873 in Aachen geborenen Gottfried Hinze die Zeit, weil er ein Geschäft für „Bergwerks- und Hüttenartikel“ führt. Zum Vorsitzenden des DFB wird er 1905 gewählt. Er bleibt es bis 1925 und wird danach zum Ehrenvositzenden ernannt. Als Gottfried Hinze 1953 stirbt, trauert Deutschlands Sportwelt, und deren bedeutendste Funktionäre sowie unzählige Fußballer von Nationalspielern bis hin zu Jugendspielern des DSV erweisen dem Fußballpionier bei seiner Beerdigung die letzte Ehre.

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