Unsere geprägten Leben

In Duisburg leben Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte, die den Krieg aus eigener Erfahrung kennen. Die älteren Duisburger haben als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt. Duisburger im mittleren Alter wissen vom Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zu berichten. Noch jünger sind oft jene Menschen, die vor dem gegenwärtigen Syrienkrieg flohen. Für die 39. Duisburger Akzente hatte ich ein mehrstimmiges Lesestück konzipiert, das die verschiedenen Erinnerungen in einen Dialog brachte.

Ein Bericht über den Abend findet sich in den Zeitungen der Funke-Gruppe.

Der Zweite Weltkrieg wirkte noch in mein Leben hinein. So hatte ich für meine Generation auch eine Stimme vorgesehen.

Unsere geprägten Leben I

Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang. Ich bin zu jung, um den Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben und dennoch trage auch ich diesen Krieg in meinem Körper durch das Leben, gleichwohl nur als lichtes Abbild einer wirklichen Erfahrung.

Wenn Menschen träumen, unterscheidet sich die beobachtbare Aktivität der Hirnregionen für Wahrnehmungen nicht von denen beim Erleben im Wachzustand. Im Gehirn entsteht Wirklichkeit. Ich habe diesen Krieg geträumt, den meine Eltern als Kinder erlebt haben und den der eine Großvater als Soldat erlebte. Ich habe diesen Krieg geträumt, in dem Menschen ausgebombt gewesen sind.  Ausgebombt. Ausgebombt wie die Familie meiner Mutter, deren Großmutter sich in dem Haus aufgehalten hatte, das bei dem immer so genannten Großen Angriff auf Duisburg von einer Fliegerbombe vollkommen zerstört wurde. Ein Foto-Portrait von ihr hing im Wohnzimmer meiner Großeltern. Wenn ich es sah, sah ich zugleich die Trümmer eines Hauses. Ihr Grab hat unsere Familie regelmäßig besucht. Es war eines von unzähligen gleichförmigen Kriegsgräbern auf dem Friedhof Bügelstraße in Obermeiderich. Ich habe diesen Krieg geträumt, der den anderen Großeltern den ältesten Sohn nahm, von dem es hieß, er habe sich gegen den Willen seines Vaters freiwillig zur Luftwaffe gemeldet, um 1942 herum, mitten im Krieg, mit 17 oder 18 Jahren. Eine ME 109 hat er schließlich geflogen und über Frankreich stürzte er mit seinem Flugzeug nach einem feindlichen Treffer 1944 ab.

Über Jahre habe ich diesen Krieg als Kind geträumt. Immer wieder. Immer wieder stand ich an einem Fenster und sah auf die brennenden Straßen meiner Stadt. Immer wieder flogen wendige Sturzkampfflugzeuge heran und feuerten Maschinengewehrsalven über die Straße, ohne dass ich dort Menschen sah. Immer wieder stürzten die Mauern des Hauses hinter mir ein, und ich verlor den Boden unter den Füßen.

Ein anderer Traum: Ich renne durch Straßen voller Trümmer. Häuser sind nur noch Ruinen. Ich muss flüchten vor dem Feind, den ich nicht sehe, den ich nicht kenne, von dem ich aber weiß, er wird kommen. Ich muss über Trümmerberge klettern, komme ins Rutschen, renne weiter, stolper. Schüsse fallen. Ich weiß nicht woher und bin erleichtert, dass die Kugeln weit an mir vorbeifliegen. Irgendwann treffe ich auf Menschen und fühle mich gerettet. Ich weiß nicht mehr, wann diese Alpträume aufhörten.

Auf den Straßen waren in den 1960er Jahren noch die Kriegsversehrten in großer Zahl zu sehen. Oft hatten sie nur noch ein Bein. Über den Oberschenkelstumpf war dann das eine Hosenbein ordentlich nach oben gefaltet und angeklammert. Als Kind von fünf oder sechs Jahren musste ich dieses nicht vorhandene Bein anstarren und wusste genau, dass man das nicht macht.

Manche Kriegsversehrte bettelten am Straßenrand. Wenn wir an ihnen vorbei gingen, hielt meine Mutter kurz an und drückte mir zehn Pfennig in die Hand. Ich rannte die zwei, drei Meter zu dem Kriegsversehrten hin und legte ihm den Groschen in seine Mütze, in der schon andere Münzen lagen. Jedes Mal war ich etwas aufgeregt. Es war eins der besonderen Ereignisse, wenn ich mit meiner Mutter nach Duisburg fuhr, in die Stadt. Als besonderes Ereignis glich das dem Kauf eines Eises oder dem Vorbeigehen an den Auslagen von Spielwarengeschäften. Die Männer bedankten sich, ich lief zurück und freute mich auf das nächste Mal.

Einige der Kriegsversehrten fuhren in dreirädrigen, lang gezogenen Rollwagen durch die Stadt. Es waren Liegeräder in der Form vergleichbar mit manchen Kinderwagen, die es heute gibt. An den seitlichen zwei Rädern waren Stangen befestigt, mit denen die Wagen per Armkraft angetrieben werden konnten. Über den vorderen Teil des Wagens lag meist eine schwarze wasserabweisende Plane. Die Männer in diesen Rollwagen waren schnell unterwegs. Mich faszinierten diese Wagen. Ich stellte mir vor, wie rasant ich mit so einem Wagen fahren könnte. Allerdings musste ich dabei  die unangenehmen Erinnerungen beiseite schieben, wie mühsam die Männer aus diesen Wagen nur aussteigen konnten. Auch diese Männer hatten ein Bein verloren oder waren gar gelähmt.

So war der Zweite Weltkrieg 20 Jahre nach Kriegsende in den 1960er Jahren für ein Duisburger Kind sehr gegenwärtig. An den Fassaden waren noch Hinweise auf Luftschutzkeller zu finden. Auf Geburtstagen der Familie wurde immer wieder auch über die Kriegszeit erzählt.

Der Schrecken des Krieges hatte dabei keinen Platz. Der Schrecken des Krieges entstand in meinem Kopf. Doch der wirklich wirkliche Krieg ist schrecklicher als jeder geträumte wirkliche Krieg. Wer Krieg wirklich erlebt hat, spürt ihn im Körper sehr viel deutlicher als ich es jemals in meinem Leben. Spürt ihn als Widerwille bei Gerüchen, spürt ihn als Reaktion bei Geräuschen, spürt ihn als wieder kommenden Schmerz. Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang.

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Junges Licht – Die Ruhrstadt der 1960er im Kino

Gestern hat für Junges Licht von Adolf Winkelmann die dritte Kinowoche begonnen. Den Film über eine Bergarbeiterfamilie zu Beginn der 1960er Jahre in der Ruhrstadt sahen in den bisheringen 14 Tagen Laufzeit laut Produzentenallianz.de 24.000 Kinobesucher, davon 5.100 in der zweiten Woche. Das könnten ruhig noch ein paar mehr Kinobesucher werden. Zeit für ein paar weitere hinweisende Worte nach den sehr guten Kritiken zum Filmstart, die Google News mit einem weiteren Klick auflistet.

Als Vorlage für Junges Licht hat Adolf Winkelmann der gleichnamige Roman von Ralf Rothmann gedient. Ein Autor der Geschichten des Ruhrgebiets hat für seine Worte jenen Filmemacher des Ruhrgebiets bekommen, der für diese Worte berührende und ausdrucksstarke Bilder fand, der ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Schauspielerensemble zusammenstellte und der  atmosphärisch dicht die Wirklichkeit um 1960 herum wieder erweckte.

Eine starke, vorwärtstreibende Handlung darf man nicht erwarten, wenn man sich diesen Film ansieht.  Junges Licht erzählt nicht mehr als den Alltag der Ruhrstadt jener Zeit vor allem aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian Collien, und das ist vollauf genug. Sein Vater arbeitet unter Tage, die Mutter ist in ihrer Ehe frustiert. Für seine kleine Schwester ist er öfter verantwortlich als ihm lieb ist. Kinder sind damals meist sich selbst überlassen und erhalten Aufmerksamkeit dann, wenn sie den Ablauf des Alltags stören. Aufmerksamkeit bedeutet die Tracht Prügel von der Mutter mit dem Kochlöffel, bis der zerbricht.

Wir erleben mit Julian Collien seine in Teilen schmerzhafte Emanzipationsgeschichte. Einige Sehnsüchte bestimmen sein Leben, vielem ist er einfach ausgesetzt. In den Augen von Erwachsenen hat er kaum Mitspracherecht. Das 15-jährige Nachbarsmädchen spielt mit seinem erwachenden Interesse für das andere Geschlecht. Einer „Bande“ möchte der empfindsame Julian angehören, einer Welt, die ihm eigentlich fremd ist und in der er ausgenutzt wird. Der Hausbesitzer sucht auf verstörende Weise seine Nähe. Viel wird in Junges Licht nur angedeutet. Manche Nebenlinie bleibt offen. So schafft Adolf Winkelmann Raum für Atmophäre. Wer die direkte Sprache und den trockenen Humor des Ruhrgebiets liebt, wird an den Dialogen seine helle Freude haben. Allein das musikalische Leitmotiv dieses Films riss mich aus der dichten Atmosphäre des Films kurz hinaus, sobald es erklang. Es wirkt auf mich zu modern, zu schnell und nicht stimmig.

Es ist nichts Neues, welch großartiger Schauspieler Charly Hübner ist, aber wie ihm das Sprechen des Ruhrgebiets als Julians Vater, Walter Collien, über die Lippen kommt, ist erstaunlich. Man kann es kaum glauben, dass solch eine selbstverständliche Ruhrpott-Färbung jemand spricht, der in Neustrelitz, im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen ist. Lina Beckmann als dauerrauchende Mutter Liesel Collien beindruckt so sehr wie der junge Oscar Brose in der Rolle Julians. Man müsste sie alle bis in die Nebenrollen erwähnen diese Schauspieler, weil sie jede Szene für sich genommen so berührend, manchmal komisch, immer kraftvoll und lebendig haben werden lassen. Egal ob Greta Sophie Schmidt, die die 15-jährige Marusha auf der Grenze zwischen mädchenhafter Naivität und weiblicher Verführung spielt; ob Peter Lohmeyer,  der die pädophile Neigung des Hausbesitzers so subtil in der Schwebe hält oder Ludger Pistor als polternder Pfarrer, dem seine Berufung manchmal auch nicht mehr ist als lästiger Berufsalltag.

Doch wie gesagt, zunächst muss man sich auf das langsame Erzählen und das Fehlen eines starken Plots einlassen. Wäre der Film in Frankreich produziert worden, würde man solch ein Erzählen auch unabhängig von der Kritik als ureigene Qualität des Films wahrnehmen. Ohne Frage hätte das Gütesiegel Frankreich schon für mehr Zuschauer gesorgt. Noch läuft der Film in den Kinos – Junges Licht eigentlich ein Pflichtprogramm für Ruhrstadt-Kinogänger.

Im Wikipedia-Artikel zu Junges Licht ließen sich vorab noch weitere Eindrücke von Handlung und Kritik gewinnen.

Zudem der Trailer zum Film

 

Und eine der berührendsten Szenen des Films – das Vater-Sohn-Gespräch über die Zukunftsvorstellungen von Julian

 

 

Ruhrstadt – Der Karneval zwischen den 1950ern und 1982 in Bildern

Während der Arbeit an 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen haben sich viele Informationen und Bilder angesammelt, die wir aus unterschiedlichen Gründen für das Buch selbst nicht genutzt habe. Es ist eine Art Beifang unserer Recherche. Einiges davon braucht eine erklärende Geschichte. Viele historischen Fotos aber stehen auch für sich und lassen sich als Einzelstücke betrachten. In loser Reihe stelle ich einen Teil dieses Beifangs online. Einordnende Kommentare sind gerne gesehen.

Fotografen und Rechteinhaber der Fotos habe ich nicht immer ermitteln können. Ich bitte Fotografen und Archive sich bei mir zu melden.

Der Hoppeditz ist begraben, der Nubbel verbrannt.  Zum Abschied der Session geht der Blick hier zurück in die Vergangenheit, in der der Karneval noch weitaus mehr in der Alltagskultur der Ruhrstadt verankert war. In Duisburgs Meiderich-Berg wurden in der katholischen Gemeinde St. Matthias Pfarrsitzungen veranstaltet, die von den Gemeindemitgliedern selbst gestaltet waren. Gemeindemitglieder gingen in die Bütt, sie sangen selbst. Es ging nicht darum, Karnevalskünstlern zuzusehen, sondern die eigenen Talente auf die Bühne zu bringen. Die Fotos der 1960er Jahre hatte ich schon einmal in einer kurzen Erinnerung an St. Matthias veröffentlicht. Nun habe ich weitere Fotos gefunden.

Folgende Fotos sind wahrscheinlich Ende der 1940er Jahre und etwa Mitte der 1950er Jahre aufgenommen. Das linke Foto wird Ende der 1940er Jahre aufgenommen worden sein. Die Männer und Frauen sind schlank, die Männer-Wohlstandsbäuche der 1950er Jahre sind noch nicht zu sehen. Entsprechend dürfte das mittlere Foto schon in diesen 1950ern aufgenommen worden sein. Der Mann links ist der damalige Vorsitzende des katholischen Arbeitervereins, der im Karneval zudem der Sitzungspräsident war. Auf dem rechten Foto sind die Männer des Kirchenchors bei einem Auftritt während einer Pfarrsitzung zu sehen. Wer Genaueres weiß, die Kommentare sind offen. Fotos anklicken, vergrößert sie.

Karnevalsitzung 1969

DU_Meiderich_StMatthias_karneval_1969b

Karnevalsitzung, eine andere Session. Die Sitzordnung des Elferrats und die Dekoration lassen ein anderes Jahr vermuten, zumindest eine andere Veranstaltung. Viel Zeit lag aber nicht zwischen dem oberen und den unteren beiden Fotos.

Wann die Damensitzung, in Meiderich Möhnekaffee genannt, im Vereinshaus stattgefunden hat, weiß ich nicht genau. Um die Jahrzehntwende 1970 müsste das Foto aufgenommen worden sein.

1970x_Karneval_DU-netz

Auf dem Weg zum Hamborner Kinderkarnevalszug in Meiderich-Berg auf der Mühlenstraße – wahrscheinlich 1965.

1966_karneval_DU-netz

Darüber hinaus finden sich im Netz historische Bilder des Karnevals in der Ruhrstadt. Manchmal sind sie etwas versteckt wie im Fotoalbum der Duisburger KG Rot-Gold Laar 1950, in dem sechs Fotos den Viertelszug aus dem Jahr 1971 zeigen.

Leichter auffindbar sind solche Dokumente im WDR-Projekt digit.de, der digitalisierten Sammlung privater Filme und Fotos aus analogen Zeiten. Bei der Suche nach bestimmten Motiven kann man sich dort schon mal verlieren. Eine kleine Auswahl von Karnevalsfilmen habe ich zusammengestellt. Es gibt noch viel mehr.

Der Essener Rosenmontagszug im Jahr 1958 wird knapp 2’30 gezeigt.

Etwa 12 Minuten dauert der Film über Karneval in Duisburg 1964. Er wirkt wie eine Reportage über den Tag des Karnevalsprinzen und seines Hofstaats.

Der Duisburger Rosenmontagszug 1966 in knapp 2 Minuten.

Daneben findet sich ein 9 Minuten-Clip vom Rosenmontagszug in Dortmund im Jahr 1980.

Knapp 3 Minuten sind Teile des Duisburger Rosenmontagszug im Jahr 1981 zu sehen

Der Karnevalszug in Bochum-Höntrop im Jahr 1982 ist knapp 2’30 zu sehen