Als Tagestourist in Eisenheim

Drüben im Zebrastreifenblog kümmert sich mein Alter Ego Kees Jaratz schon lange in unregelmäßigem Abstand um die Sammlung Heimatlied – Sektion Ruhrstadt. „Wir ham keine Kohle“ von Matthias Reuter gehört dort natürlich auch rein. Hier steht es aber nun zum einen online, weil das Lied ein wunderbarer Kommentar zur historisch gewordenen Kulturhauptstadt-Verstiegenheit mancher Stadtverantwortlicher ist sowie zu deren Erlösungsphantasien in Sachen wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Damit ist das Lied ja nicht nur künstlerischer Ausdruck sondern auch ein aussagestarkes Dokument zum Strukturwandel. Matthias Reuters großartiges Bonmot „Kultur im Ruhrgebiet ist der verzweifelte Versuch ohne Kohle schwarze Zahlen zu schreiben“ gilt auch heute noch.

Zum anderen stelle ich es hier online, weil es mich an meine eigene Arbeit am Buch erinnert. Es gibt einen der 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen, wo ein Vater-Sohn-Gespräch, wie es Matthias Reuter besingt, möglich ist. Vielleicht hat der Oberhausener Reuter in Eisenheim sich inspirieren lassen. Die Arbeitersiedlung in Oberhausen ist eine Art bewohntes, kostenloses Freilichtmuseum. Überall an Häusern hängen Informationstafel über ehemalige Bewohner, über deren Biografien und Schicksale. Andere Tafeln informieren über die allgemeine Geschichte der Siedlung.

Über den ebenfalls historisch bedeutsamen Einsatz für den Erhalt der Siedlung erfährt man weniger. Doch auch dieses Engagement Anfang der 1970er, die Bürgerbeteiligung, die eindrücklich eingefordert wurde, der Idealismus von Roland Günther und seiner Studenten, die Protest zu organisieren begannen und den Widerstand gegen den Abriss als politisches Handeln verstanden, all das gehört zur deutschen, letztlich europäischen Geschichte, wenn man den Blick auf die aufkommende Bürgerrechtsbewegung ab den 1960ern wirft.

Als ich im Sommer 2014 in Eisenheim Fotos für das Buch machte, spielte sich dort das Leben draußen ab. Familien saßen vor ihren Häusern in der Sonne. Nachbarn unterhielten sich, und ich, mit meinem Fotoapparat, auf der Suche nach einem guten Standpunkt für mein ausgewähltes Motiv wurde gelassen beobachtet. „Datt“ und „watt“ habe ich gehört, auch ohne dass ein Sohn, wie Matthias Reuter singt, seinen „Vatter“ dazu aufforden musste. Wieder mal ein Touri in Eisenheim, damit kennt sich der Eisenheimer aus.

Die von Matthias Reuter besungene Dienstleistungs-Zukunft lässt allerdings noch etwas auf sich warten. Wahrscheinlich kommen zu viele Individualtouristen und zu wenige Reisebusse.

 

Besprochen: So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

Ein Spielankündigungsplakat des MSV Duisburg aus dem Oktober 1975

Drüben im Zebrastreifenblog trommel ich seit einiger Zeit für das Crowdfunding, mit dem ich die Herstellung eines Buches über die letzten zwei Jahre des MSV finanzieren möchte. 6 Tage bleiben noch Zeit, um das fehlende Geld auf der Crowdfunding-Plattform startnext unter dem Kürzel MSV-Buch zusammen zu bekommen.

1975-10-21_Spielplakat_msv_levskiDa dachte ich mir, bei 6 Tagen Zeit kann es nicht schaden sich nach guten Vorzeichen umzusehen. Das Ankündigungsplakat von einem Spiel habe ich dabei gefunden. Es hing in meiner Jugend lange an der Wand meines Zimmers. Damals hatte der MSV  in der 2. Runde des UEFA-Pokals gestanden. 3:2 wurde dieses Spiel gewonnen. Sofia war in der 12. Minute in Führung gegangen. Werner Schneider glich 5 Minuten später aus. Noch in der ersten Halbzeit traf Panov in der 31. Minute zur erneuter Führung für Sofia. Bis zur 73. Minute dauerte es, bis Ronnie Worm wieder den Ausgleich schoss. Und dann machte Walter Krause in der Nachspielzeit das Siegtor.

Schon damals zählten Auswärtstore doppelt. So reichte Sofia iim Rückspiel das 2:1, um wegen der  Auswärtstore-Regel eine Runde weiterzukommen. Wenn ihr weiterklickt, gelangt ihr in ein Forum von Stadionhefte-Sammlern. Dort ist das Cover vom Stadionheft anlässlich des Rückspiels gepostet. Sehr „Handcrafted“, was heute ja ein Gütesiegel des Werbesprechs geworden ist und damals den Unterschied zwischen Ostblock-Realität und dem bunteren Westeuropa ausgemacht hat.

Duisburg 1974 – Günter Routhier stirbt nach Sturz bei einem Polizeieinsatz

Drüben im Zebrastreifenblog verfolge ich zwei Reihen, bei denen ich Lieder jeglicher Machart zu Duisburg und zur Ruhrstadt sammel. Die heutige Folge in der Duisburg-Reihe passt wegen ihres zeitgeschichtlichen Inhalts auch gut in diese Räume hier.

Vor knapp einem Monat, am 29. Mai, ist der Liedermacher Walter Mossmann gestorben. Der gute, knapp gehaltene Wikipedia-Artikel zu seiner Person macht nicht nur mit ihm und seiner Kunst schnell bekannt. Schlaglichtartig erhellt leuchten zudem zentrale politische Themen der 1970er bis 1980er Jahre in der BRD auf, Zeithistorie wird angerissen. Das kommt nicht von Ungefähr. Walter Mossmann verstand sein Liedermachertum als politische Stellungnahme.

Oft stehen seine Lieder in der Tradition des Bänkelgesangs, indem er einzelne Ereignisse des Zeitgeschehens aufgreift und sie aus links-alternativer Perspektive berichtend in die Öffentlichkeit bringt und sie kritisiert. Auch einem Duisburger Geschehen der 1970er Jahre hat er ein Lied gewidmet. Vor dem Duisburger Arbeitsgericht klagte 1974 ein entlassener Arbeiter von Mannesmann auf Wiedereinstellung. Der Arbeiter war Mitglied der KPD/ML und den Prozess besuchten zur Unterstützung Genossen, unter ihnen Günter Routhier, der an der Bluter-Erkrankung litt. Als der Richter den Prozesssaal nach der Urteilsverkündung von der Polizei räumen ließ, stürzte Günter Routhier auf der Treppe. Etwa zwei Wochen später verstarb er an einer Gehirnblutung.

Die gerichtliche Aufarbeitung dieses Sturzes wirkte auch auf die bürgerliche Presse nicht so, als habe die Wahrheit des Geschehens herausgefunden werden sollen. Polizeigewalt schien vertuscht werden zu sollen. Sieben Jahre später erscheint anlässlich eines weiteren Prozesses zum Geschehen ein Artikel in der ZEIT, in dem der Vorfall selbst, die langen vergeblichen Versuche der Aufarbeitung und die bundesweiten Reaktionen darauf geschildert werden. Eine dieser Reaktionen war ein Lied, das Walter Mossmann zum Tod von Günter Routhier machte: „Die Ballade vom zufälligen Tod in Duisburg.“

Der Eintrag zu Günter Routhier bei Wikipedia findet sich mit einem Klick weiter. Eine Dokumentation der seinerzeit begleitenden Berichterstattung aus radikaler linker Perspektive findet sich im Mao Projekt, der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“, in der „Texte so genannter maoistischer Gruppen sowie anderer radikaler linker Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin“ gesammelt sind.

Ruhrstadt – Der Karneval zwischen den 1950ern und 1982 in Bildern

Während der Arbeit an 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen haben sich viele Informationen und Bilder angesammelt, die wir aus unterschiedlichen Gründen für das Buch selbst nicht genutzt habe. Es ist eine Art Beifang unserer Recherche. Einiges davon braucht eine erklärende Geschichte. Viele historischen Fotos aber stehen auch für sich und lassen sich als Einzelstücke betrachten. In loser Reihe stelle ich einen Teil dieses Beifangs online. Einordnende Kommentare sind gerne gesehen.

Fotografen und Rechteinhaber der Fotos habe ich nicht immer ermitteln können. Ich bitte Fotografen und Archive sich bei mir zu melden.

Der Hoppeditz ist begraben, der Nubbel verbrannt.  Zum Abschied der Session geht der Blick hier zurück in die Vergangenheit, in der der Karneval noch weitaus mehr in der Alltagskultur der Ruhrstadt verankert war. In Duisburgs Meiderich-Berg wurden in der katholischen Gemeinde St. Matthias Pfarrsitzungen veranstaltet, die von den Gemeindemitgliedern selbst gestaltet waren. Gemeindemitglieder gingen in die Bütt, sie sangen selbst. Es ging nicht darum, Karnevalskünstlern zuzusehen, sondern die eigenen Talente auf die Bühne zu bringen. Die Fotos der 1960er Jahre hatte ich schon einmal in einer kurzen Erinnerung an St. Matthias veröffentlicht. Nun habe ich weitere Fotos gefunden.

Folgende Fotos sind wahrscheinlich Ende der 1940er Jahre und etwa Mitte der 1950er Jahre aufgenommen. Das linke Foto wird Ende der 1940er Jahre aufgenommen worden sein. Die Männer und Frauen sind schlank, die Männer-Wohlstandsbäuche der 1950er Jahre sind noch nicht zu sehen. Entsprechend dürfte das mittlere Foto schon in diesen 1950ern aufgenommen worden sein. Der Mann links ist der damalige Vorsitzende des katholischen Arbeitervereins, der im Karneval zudem der Sitzungspräsident war. Auf dem rechten Foto sind die Männer des Kirchenchors bei einem Auftritt während einer Pfarrsitzung zu sehen. Wer Genaueres weiß, die Kommentare sind offen. Fotos anklicken, vergrößert sie.

Karnevalsitzung 1969

DU_Meiderich_StMatthias_karneval_1969b

Karnevalsitzung, eine andere Session. Die Sitzordnung des Elferrats und die Dekoration lassen ein anderes Jahr vermuten, zumindest eine andere Veranstaltung. Viel Zeit lag aber nicht zwischen dem oberen und den unteren beiden Fotos.

Wann die Damensitzung, in Meiderich Möhnekaffee genannt, im Vereinshaus stattgefunden hat, weiß ich nicht genau. Um die Jahrzehntwende 1970 müsste das Foto aufgenommen worden sein.

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Auf dem Weg zum Hamborner Kinderkarnevalszug in Meiderich-Berg auf der Mühlenstraße – wahrscheinlich 1965.

1966_karneval_DU-netz

Darüber hinaus finden sich im Netz historische Bilder des Karnevals in der Ruhrstadt. Manchmal sind sie etwas versteckt wie im Fotoalbum der Duisburger KG Rot-Gold Laar 1950, in dem sechs Fotos den Viertelszug aus dem Jahr 1971 zeigen.

Leichter auffindbar sind solche Dokumente im WDR-Projekt digit.de, der digitalisierten Sammlung privater Filme und Fotos aus analogen Zeiten. Bei der Suche nach bestimmten Motiven kann man sich dort schon mal verlieren. Eine kleine Auswahl von Karnevalsfilmen habe ich zusammengestellt. Es gibt noch viel mehr.

Der Essener Rosenmontagszug im Jahr 1958 wird knapp 2’30 gezeigt.

Etwa 12 Minuten dauert der Film über Karneval in Duisburg 1964. Er wirkt wie eine Reportage über den Tag des Karnevalsprinzen und seines Hofstaats.

Der Duisburger Rosenmontagszug 1966 in knapp 2 Minuten.

Daneben findet sich ein 9 Minuten-Clip vom Rosenmontagszug in Dortmund im Jahr 1980.

Knapp 3 Minuten sind Teile des Duisburger Rosenmontagszug im Jahr 1981 zu sehen

Der Karnevalszug in Bochum-Höntrop im Jahr 1982 ist knapp 2’30 zu sehen