Als der Bergmann Heinrich Kämpchen ab 1890 zu dichten begann

Momentan finden die  38. Duisburger Akzente statt. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Drüben im Zebrastreifenblog begleite ich das Festival mit einem inoffiziellen Programm. Das Angebot heute ist auch für diese Räume etwas.

Berufsinvalidität bringt Zeit fürs Dichten. Diese Kurzformel verweist auf das lyrische Werk des 1847 im heute zu Essen gehörenden Burgaltendorf geborenen Bergmanns Heinrich Kämpchen – zu Wikipedia geht’s per Klick. Er war einer der ersten Arbeiterdichter, die mit ihren Worte nicht nur agitieren wollten. Ihm ging es nicht um die Lyrik als Mittel zum klassenkämpferischen Zweck. Er wollte sich selbst ausdrücken. Unweigerlich bekamen seine Gedichte deshalb einen bürgerlicheren Ton, auch wenn sie das Leid und Schicksal von Bergleuten aufgriffen. Er schrieb wie bürgerliche Dichter über die Natur als Gegenwelt zur Arbeit. Er schrieb über Gefühle. Sein dritter Gedichtband aus dem Jahr 1909 steht bei Wikisource online.

Hier veröffentliche ich ein früheres Gedicht über das Leben als Bergmann.

Ideal und Prosa

Wer nie im Schacht die Keilhau schwang,
Wer nie, vom Pulverdampf umgeben,
Nach Luft und Atem röchelnd rang,
Der kennt dich nicht, du Bergmannsleben.

Man wirft uns in die Gruft hinein,
Wer bürgt, daß nicht zerschmettert färben
Wir unten blutig das Gestein?
Es geht auf Leben und Sterben.

Und wer den Bergbau besang
Und wer ihn pries in Melodieen,
Er wolle nur zwei Monde lang
Mit uns durch seine Grüfte ziehen.

Er habe nur wie wir im Schacht,
Durchleuchtet nie von Tageshelle,
So manche schwere Schicht vollbracht,
Den bleichen Tod als Mitgeselle.

Und meinen Kopf setz ich zum Pfand,
Ihm sind die Lieder ausgegangen –
Das Schaumgold ‚Ideal‘ verschwand
Dort, wo die ‚Prosa‘ angefangen.

 

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