Dinslaken – Bergwerksdirektor Dr. Werner Hoffman, die Luther-Kirche und Urban Prayers Ruhr

Am 14. August hatte im Rahmen der Ruhrtriennale das Projekt Urban Prayers Ruhr seine Uraufführung in der Marxloher DITIB-Merkez Mosschee. Die Orte der Aufführung gehören zum künstlerischen Konzept. In insgesamt sechs Begegnungsstätten unterschiedlicher Religionsgemeinschaft der Ruhrstadt ist die Text- und Lied-Collage von Björn Bicker zu sehen. Morgen, am 4. September, ist die Lutherkirche in Dinslaken-Lohberg Aufführungsort.

Als ich im Programmheft den Begleittext zur Lutherkirche las, sprang mir ein Name ins Auge: Dr. Werner Hoffmann. Er war der Bergwerksdirektor der Zeche Lohberg in den 1950er Jahren. Den Bau der Martin-Luther-Kirche trieb er voran, indem er evangelische Bergarbeiter für die Baustelle von der Zeche freistellte und Baumaterial zur Verfügung stellte. Es war nicht das erste Mal, dass ich dem Wirken von Dr. Werner Hoffmann begegnete. Der Bergwerksdirektor fühlte sich in seiner Position in umfassender Weise verantwortlich für das Gemeinwesen. Natürlich lebten in diesem Gemeinwesen Dinslaken-Lohberg vor allem die Bergleute seiner Zeche.

Er gab der Theatermacherin Kathrin Türks und ihrem Ensemble eine erste Bühnenheimat im Ledigenheim der Zeche, einer der 111 Orte, die diese Ruhrgebietsgeschichte von der Theatergründung in Dinslaken erzählen. Diese ersten Theateraufführungen waren die Keimzelle des Landestheaters Burghofbühne. Der VfB Lohberg und die Dorotheen-Kampfbahn fanden ebenfalls seine Unterstützung. Ohne ihn wäre das kulturelle und sportliche Leben in Dinslaken nach dem Krieg ärmer gewesem. Sein Wirken fruchtet bis heute.

Die soziale Verantwortung wird von vielen Unternehmen im Ruhrgebiet gerade wieder entdeckt. Heute steht dahinter, eine Stadt muss lebenswert sein, damit Menschen in ihr arbeiten wollen. Alles, was mir über Dr. Werner Hoffmann erzählt wurde, legt nahe, sein Ansatz war umfassender. Ihm ging es nicht nur um den Lebenwert in Lohberg, ihm ging es auch um eine Art geistiger Bildung der Menschen, die in Lohberg lebten.

Wer sich für das Kunstprojekt Urban Prayers Ruhr interessiert: Nach der Urauffühung habe ich eine kurze Besprechung geschrieben.

Mit Urban Prayers Ruhr hat Björn Bicker einen Text für die Ruhrstadt-Wirklichkeit umgeschrieben, der 2013 in München erstmals aufgeführt wurde. Zwei Schauspieler, und drei Schauspielerinnen lesen als „Chor der Gläubigen“ eine Collage aus Meinungen und Erzählungen über den Ruhrstadt-Alltag aus der Perspektive von Gläubigen der unterschiedlichen Religionen. Das sind oft widersprüchliche Sätze, die als bewusst gesetzter Effekt sich in einer der Schauspielerstimmen vereinen. Das ist eine der besonderen Einsichten dieser Collage, die Vielfalt der Haltungen, die zugewanderte Gläubige zu dieser deutschen Gesellschaft haben. Denn ein Thema kehrt in diesem Chor-Text immer wieder. Wie gehören wir als Gläubige dazu? Der religiöse Glauben erhält eine sehr weltliche Dimension, denn auch die Zugehörigkeit erweist sich als Glaube, der allerdings mit konkreten Erfahrungen im Alltagsleben bewiesen werden kann. Aus Glaube wird dann der rationale Beweis, der trennt oder zusammenführt.

Um sieben Themen herum hat Björn Bicker seine Collage arrangiert. „Fahren“, „Helfen“ oder „Bauen“ bieten Anlass zu einem  mehrstimmigen Gedankenfluss, für den das Grundthema Glauben der Nährboden ist. Immer wieder tauchen auch grundsätzliche Beschreibugen des Alltags auf, die auch Ungläubige äußern könnten. Das Zusammenleben wird angesprochen, Schwierigkeiten und Gelingen. Das Ringen um Selbstbewusstsein und Identität ist immer nahe. Fragen der Lebensführung in den Regeln des Glaubens werden berührt, das Verhältnis von Unglauben und Religiösität. Von Erfahrung mit Vorurteilen ist zu hören. Manchmal entsteht Komik.

Der gesprochene Chor wechselt sechsmal in den Chorgesang über. Das großartige ChorWerk Ruhr übernimmt dann und trägt sechs Lieder vor aus den verschiedenen Glaubensrichtungen. Jedes einzelne dieser Lieder wird zu einem Ereignis. Es verbreitet sich der Zauber einer einzigen vollkommenen Stimme, die sich teilen kann und wieder zusammen findet. Welch voluminöser Klangkörper ist dieses ChorWerk Ruhr. Welch einzigartigen Chor gibt es da in dieser Ruhrstadt.

Der Gedankenfluss der Texte hätte an manchen Stellen pointierter sein können. Für mich wiederholte der gesprochene Chortext zum Ende hin zu oft etwas, was ich schon gehört hatte. Zu oft wurden dieselben Themen in zu wenig Variation aufgegriffen. Das ist allerdings nur ein kleiner Makel eines sehenswerten Ruhrtriennale-Projekts.

Im Programmheft beschreibt Björn Bicker unter der Überschrift „Wie wir leben wollen“ eine Hoffnung, und damit komme ich noch einmal auf das zu sprechen, was im Innenhof der Moschee vor und nach der Veranstaltung zu sehen war. Björn Bicker hat für sein Projekt mit Ruhrstädtern gesprochen und sie gefragt, was ihnen am Ruhrgebiet besonders gefällt. Fast jedes Mal sei die Antwort dieselbe gewesen: die Vielfalt. Für ihn beantwortete das zugleich die Frage, in welchem Land wir leben wollen. Er weiß, eine an den Menschen orientierte Sozial- und Bildungspolitik muss hinzu kommen, dann könnten wir vielleicht irgendwann ganz selbstbewusst sagen: In Vielfalt vereint.

Wahrscheinich wird er bei den meisten im Publikum an diesem Sonntag mit solchen Sätzen offene Türen einrennen. Der Alltag mit Schwierigkeiten des Zusammenlebens ist weit weg an einem solchen Sonntag, vielleicht ist so ein Alltag für viele im Publikum grundsätzlich weit weg. Auch DITIB als politisches Problem hat es an diesem Sonntag nicht gegeben. Dennoch brauchen wir diese Bilder des Gelingens. Nichts spricht gegen sie.

Weitere Vorstellungen:

4. September, 16 Uhr: Lutherkirche, Dinslaken-Lohberg
11. September, 15 Uhr: Serbisch-Orthodoxe Kirche, Dortmund-Kley
18. September, 16 Uhr: Synagoge Bochum

Eintrittskarten und weitere Informationen mit einem Klick zur Seite der Ruhrtriennale

Der Blick ins Vorwort

Seit etwas mehr als einer Woche ist 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im Buchhandel erhältlich. In Duisburg wurde von WAZ/NRZ und in Mülheim von der WAZ in den jeweiligen Lokalteilen schon über das Buch berichtet. Wir freuen uns über die positive Resonanz. Wir hatten uns schließlich viel vorgenommen. Mit 111 über das Ruhrgebiet verteilten Orten wollten wir die gesamte Geschichte des Ruhrgebiets von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit auf unterhaltsame Weise erzählen. Historische Bilder der Orte sollten die Geschichte illustrieren und ein aktuelles Foto sollte zeigen, wie es heute dort aussieht.

Mit dem Blick ins Vorwort möchten wir nun einen weiteren Eindruck vom Buch geben.

Das Ruhrgebiet in der Vergangenheit, das sind Kohle und Stahl. So wird es meist erzählt. Tatsächlich führte erst die Industrialisierung in den Städten der Region zu dem Bewusstsein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen. Tatsächlich richtete sich die Aufmerksamkeit meist auf das Geschehen in der Montanindustrie. Hoffnung, Auseinandersetzungen und Sorgen brachte sie mit sich, oft stellvertretend für ganz Deutschland, sei es im Deutschen Reich oder nach dem Zweiten Weltkrieg, sei es im Zuge des so genannten Strukturwandels.

Doch so sehr die Industrie noch das gegenwärtige Bild des Ruhrgebiets prägt, diese Stadtlandschaft bietet selbstverständlich auch andere Geschichte(n). Ob es Ereignisse in den Hanse- oder Ackerbürgerstädten fernerer Zeiten sind oder Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die im Ruhrgebiet nicht vermutet werden, weil sie selten erzählt sind. In Kultur und Sport geschah Bemerkenswertes. Was gibt es zur Identität des Ruhrgebiets zu sagen?

Bestimmte Plätze, Häuser, manchmal auch Schächte, einzelne Orte des Ruhrgebiets bestimmen diese Geschichten. Etwas geschah und wirkt weiter, auch jetzt, wo die Bevölkerung sich nicht mehr zu großen Teilen aus Bergleuten und Stahlarbeitern sowie ihren Familien zusammensetzt. Mit den erzählenswerten Geschichten der Vergangenheit geht es eben auch um die Frage, was diese Region für wichtig nimmt, und wohin sie vielleicht gehen wird.

Mit unseren Geschichten wollen wir auch Alltag und Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets durch die Zeitläufte einfangen. Wir wollen zum Weiterlesen anregen, zum Nachdenken darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Wo sie bestimmend ist, ohne wahrgenommen zu werden. Wo sie hilfreich sein kann, weil mit ihr Stärken dieser Region aufscheinen.

Zwar haben wir das Inhaltsverzeichnis hier schon einmal online gestellt, wir wiederholen das aber, damit mit einem Blick erkennbar wird, mit welchen Geschichten wir die Geschichte des Ruhrgebiets erzählt haben. Was ihr seht, ist die unkorrigierte erste Fassung des Layouts. Stört euch deshalb nicht an den Fehlern. Die drei Seiten anklicken, dann öffnet sich die jeweilige Doppelseite im neuen Fenster groß genug, damit ihr auch was lesen könnt.

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Ralf Koss und Stefanie Kuhne
111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen
240 Seiten
Emons Verlag
€ 14,95

Noch 2 Tage

In zwei Tagen wird 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im Buchhandel erhältlich sein. Wir wissen schon, wie das fertige Buch aussieht. Seit dem Wochenende sind die Belegexemplare im Haus. Auch wenn wir die Industriegeschichte des Potts nicht aus dem Blick verloren haben, wir haben auch andere Geschichten erzählt, die heute mit dem Rückgang der Industriearbeit wieder wichtiger werden. Das tiefe Eintauchen in die Geschichte des Potts und der einzelnen Stadtteile dieser Ruhrstadt, das Stöbern in Archiven nach alten Fotos und natürlich nicht zuletzt das Schreiben, all das hat sich gelohnt. Wir freuen uns sehr über das Buch und hoffen, vielen Lesern wird es demnächst genauso gehen.

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Das Inhaltsverzeichnis als Vorgeschmack aufs Buch

Nun nehmen 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen  ihren Weg. Das Buch ist im Druck seit letzter Woche. Allmählich findet sich nun auch die Zeit wieder für diesen Blog hier. Nach dem Blick aufs Cover letztens gibt es heute als ersten Eindruck vom Inhalt einen Blick ins Inhaltsverzeichnis. Was ihr seht, ist die unkorrigierte erste Fassung des Layouts. Stört euch also nicht an den Fehlern. Die drei Seiten anklicken, dann öffnet sich die jeweilige Doppelseite im neuen Fenster groß genug, damit ihr auch was lesen könnt.

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