Bewegtbilder vom Innenhafen Duisburg aus dem Jahr 1995

Das Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst verrät durch seinem Namen immer noch, was im Innenhafen, dem Standort des Museums, über Jahrzehnte Hauptumschlaggut gewesen ist. Bis in die 1960er Jahre wurde von hier aus das Ruhrgebiet mit Mehl versorgt. Entsprechend blumig wurde zuweilen vom „Brotkorb des Ruhrgebiets“ wahrscheinlich eher geschrieben als gesprochen. Zu Beginn der Industrialisierung wurde aber  zunächst vor allem Holz umgeschlagen. Die Zechen brauchten Grubenholz.

Der Wandel vom Industriehafen zum Wohn- und Freizeitquartier sowie zur Adresse für Büroraum vollzog sich ab Mitte der 1990er Jahre. Der Hafen gehörte zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Den Masterplan zum Umbau legte 1994 der britische Architekt Lord Norman Foster vor. Beendet ist der Hafen-Umbau noch nicht. Offensichtlich wird das an der Rundung des ehemaligen Holzhafens, wo hinter der fertiggestellten Freitreppe die Errichtung des geplanten Gebäudeensembles bislang gescheitert ist.

Der Clip zeigt das Innenhafengelände kurz vor der Beginn der Bautätigkeiten. Die digitalisierten Super-8-Aufnahmen sind ungeschnitten online gestellt. Bis Minute 5.11 gibt es Impressionen vom Hafenbecken aus verschiedenen Perspektiven. Bis zum Ende folgen Straßenansichten des Hafenareals.

Advertisements

Schimanski ist…ach, Götz George – Klickhinweis Zebrastreifenblog

Als ich über die Zusammenstellung der 111 Orte für das Buch nachdachte, wusste ich sofort, mit einem Ort musste ich „Schimanski“ erzählen. Denn die jüngste Geschichte der Ruhrstadt ist ohne Filmfigur Schimanski, verkörpert durch Götz George, nicht zu erzählen. Zu dieser Historie gehört nämlich das fortwährende Kreisen um die Identität der Region. „Schimanski“ eröffnete in den 1980er Jahre für eine bis anderthalb Generationen junger Menschen der Ruhrstadt eine Möglichkeit, sich zur Ruhrstadt zu bekennen. Götz George spielte den Schimanski zwar in Duisburg, aber junge Menschen der gesamten Ruhrstadt nahmen die Hafenstadt als Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Götz George ist am 19. Juni gestorben. Drüben im Zebrastreifenblog habe ich einen kurzen persönlichen Nachruf auf Götz George geschrieben.

Der Sportplatz des Ruhrorter TV als Keimzelle vom EuroPortsCup

Drüben im Zebrastreifenblog begleite ich die Duisburger Akzente mit einer inoffiziellen Programmreihe. Auch im Beitrag gestern warf ich einen Blick in die Historie Duisburgs, so dass der Beitrag auch hierher passt. Es ging um den Sportplatz des Ruhrorter TV, wie überhaupt man an den Fußballplätzen der Ruhrstadt entlang auch die Geschichte dieser Ruhrstadt erzählen kann. Als 2012 “111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss” erschien, gab es das historische Konzept im Verlag noch nicht. Dennoch wurde auch dieses Buch in großen Teilen ein historisches Buch. Der Text unten ist ihm entnommen.

Bei Interesse: Mit einem Klick geht es weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Der Sportplatz Ruhrorter TV
Gestern Zeltplatz, heute Festsaal

Der Ruhrorter Verteilerkreis am Rand des Stadtteils liegt in fast jeder Himmelsrichtung nah am nächsten Hafengewässer. Ruhrort besaß nicht viel Platz zur Ausdehnung. Klein blieb so der Stadtteil, dessen Geschichte an vielen Ecken spürbar ist. In der letzten Zeit entdeckten Künstler und Kulturschaffende dessen Reiz. Ob das Hoffnungswort vom Kreativquartier sich weiter mit Leben füllt? Hafen – der weckt Bilder einer intensiven Wirklichkeit, und er könnte Motor dafür sein.
Genauso wie der Hafen auch die Freizeitfußballer im Ruhrorter Turnverein, RTV Staubwolke, und die vom VfvB Ruhrort/Laar, die »Amtsschimmel«, auf eine Idee mit andauernden Folgen brachte. »Hafenturnier« nannten sie die Fußballveranstaltung für Freizeitmannschaften europäischer Hafenstädte zu Pfingsten 1984. Gegner kamen aus Amsterdam, Basel und Bremen, und die Verhältnisse waren bescheiden. Übernachtet wurde in Zelten auf dem Sportplatz.
Inzwischen heißt das jährlich in wechselnden Hafenstädten stattfindende Turnier »EuroPortsCup«, zu dem Bürgermeister vor Ort, ob in Hamburg, Bergen oder Malmö, Eröffnungsreden halten. Es wird mit zwei Jahren Vorlauf geplant, und Festbankette stehen auf dem Programm. 12 bis 14 Mannschaften nehmen in der Regel teil, die Wirtschaftslage bestimmt, welche. Denn fast alle sind nun Betriebsmannschaften von Reedereien oder von Hafenbetreibern wie Duisburgs »duisport« und werden von den Arbeitgebern gesponsert. RTV Staubwolke blieb als einzig unabhängige Freizeitmannschaft übrig, auch weil der Spielergenerationenwechsel meist unproblematisch verlief.
Und warum Staubwolke? Der Ascheplatz des Ruhrorter TV, auf dem sich 1977 die noch jugendlichen Fußballer erstmals trafen, besaß einen Unterboden aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs. Der wurde zu einer solch wirksamen Drainage, dass die oft dichten Staubwolken den Ball nicht mehr erkennen ließen – im Pott nicht selten.

Als 1978 die Binnenschifffahrt in deutschen Wohnzimmern begeister

Drüben im Zebrastreifenblog begleite ich die Duisburger Akzente mit einer inoffiziellen Programmreihe. Mein heutiger Beitrag passt auch hierher, spielt der Ruhrorter Hafen dabei doch eine besondere Rolle. Bei Interesse: Mit einem Klick geht es weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Noch bevor 1981 die erste Schimanski-Folge Ruhrort und damit Duisburg endgültig zum selbstverständlichen Handlungsort eines fiktionalen TV-Geschehens machte, nutzte schon 1978 die TV-Serie MS Franziska das erzählerische Potential von Duisburg und dem Ruhrorter Hafen als Teil der Binnenschifffahrtswelt. Regie führte Wolfgang Staudte, die Bücher hatte Heinz Oskar Wuttig geschrieben. Die ARD richtete mit der Erstausstrahlung der Serie seinerzeit den Montagabend als neuen Seriensendeplatz ein, und MS Frankziska hatte großen Erfolg.

Wie sehr für mich die Welt der Binnenschifffahrt grundsätzlich mit meiner Ruhrorter Hafenwelt verschmolzen war, seht ihr daran, dass in meiner Erinnerung die gesamte Serie ihren Handlungsschwerpunkt in Duisburg besaß. Was nicht stimmt. Zwei Folgen nur spielen in Duisburg. Ein Binnenschiff liegt nun mal nicht vornehmlich vor Anker, sondern es ist in der MS-Franziska-Welt auch mal auf dem gesamten Rhein unterwegs.

Mit dem Anfang der ersten Folge sehen wir die MS Franziska im Mittelrheintal, und ein Grundkonflikt der Serie wird etabliert. Der von Paul Dahlke gespielte Binnenschiffer im Rentenalter Jakob Wilde ist ganz Patriarch alter Schule. Er glaubt weiterhin auf die Anforderungen des Lebens die besseren Antworten zu haben als seine Söhne. In dieser einführenden Szene geht es natürlich um die grundsätzliche Fähigkeit eines Binnenschiffers, das Steuern des Frachtschiffes, das er seinem von Ulrich von Dobschütz gespielten Sohn Paul in einer Gefahrensituation aus der Hand nimmt.

Die Folge 2, Zum Grünen Hahn, spielt vor allem in Ruhort und Homberg. Die MS Franziska liegt in Ruhrort vor Anker. Jakob und Paul warten auf einen lukrativen Frachtauftrag. Das Alltagsleben in der Binnenschifffahrt wird mit Fahrtauglichkeitsprüfung von Jakob und den Begegnungen mit dem Hafenpastor erzählt. Zudem beginnt für den von Jochen Schroeder gespielten Enkel Jakobs, Niko Wilde, ein zehnwöchiger Lehrgang auf dem im Homberger Eisenbahnhafen liegenden Schulschiff Rhein.

In der Folge 4, Probefahrt, liegt die MS Franziska mit einem Motorschaden in Duisburg fest. Dramatik erhält die Folge durch den Blinddarmdurchbruch von Paul. Für ihn muss Jakob einen Ersatz suchen muss, als er für die MS Franziska einen Frachtauftrag erhält.

Bei Wikipedia gibt es hauptsächlich die inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Folgen. Zusammen mit dem Episodenguide bei Fernsehserien.de erhält man ein gutes Bild vom Handlungsgeschehen.

Auf der Seite TV-Nostalgie gibt es Ausschnitte aus einem Interview, das der Seitenbetreiber mit dem Komponisten der Filmmusik, Peter Schirmann, geführt hat.

Sämtliche Folgen finden sich auf YouTube.

Ruhrort – Damals

Wer gestern  beim Lebendigen Adventskalender in Ruhrort ein Türchen öffnete, konnte mir bei einer Lesung zuhören. Es hat mir großen Spaß gemacht, eine Viertelstunde Texte zur Ruhrstadt-Wirklichkeit zu lesen und meinen Sinn für Komik mit ein paar Gedichten zu zeigen. Mein Einstiegstext ruft ein Ruhrort der 1960er Jahre in Erinnerung. Ein Blog zur Geschichte der Ruhrstadt scheint mir ebenfalls ein geigneter Ort für diesen Text.

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Stadtteil, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir aber selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich das rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

Eine Kinderspieltradition zwischen den 1930er und 1950er Jahren

Kinder haben eigene Traditionen, die sie mündlich weitergeben. Über Generationen können auf diese Weise etwa Regeln für Spiele in leichten Varianten erhalten bleiben. Gummitwist war während der 1960er Jahre in meiner Kindheit noch ein lebendiges Spiel. Dagegen war ein Spiel wie „Ball an die Wand“, das nach festen Regeln gespielt wurde, in meinem Umfeld ausgestorben.

Meine Mutter erzählte, „Ball an die Wand“ war eines der Spiele, die sie als Kind immer auf der Straße gespielt habe. Das war Ende der 1930er Jahre in Duisburg-Meiderich. Etwa 15 Jahre später, 1953, fotografiert ein Vater seine Tochter und eine Freundin bei demselben Spiel in Essen. Immer noch muss der Ball in einer Abfolge unterschiedlicher Wurf- und Fangweisen an die Wand geworfen werden. Ein System, das jedem Kind, das erstmals mitmachen möchte, beigebracht wird. Die Regeln müssen eingehalten werden, damit das Spiel gelingt. Dass der Ball dabei nicht auf den Boden fallen darf, versteht sich von selbst.

Wie lange diese Spieltradition wohl an anderen Orten lebendig geblieben ist. Gibt es sie gar irgendwo noch?

1953_E_Ball_an_wand-netz

Viel Zeit vergeht nicht, bis die beiden Fotos unten von der Tochter und weiteren Freundinnen auf einem Spielplatz an der Essener Ruhrallee aufgenommen werden. Eine solche kostengünstige Rutsche ohne wirkliche Rutschfläche kenne ich auch noch. Meine hat am Hafenmund in Duisburg-Ruhrort gestanden. Gefallen haben mir solche Rutschen nie. Viel zu langsam rutschte man auf ihnen, und als ganz Kleiner war ich mir nie wirklich sicher, ob man  nicht doch irgendwie zwischen den Stangen durchfallen könnte.

1955_E_Spielplatz_Ruhrallee_1-netz

Die Turnstangen in drei unterschiedlichen Höhen waren ebenfalls eine Standardausrüstung auf Spielplätzen jener Zeit.

1955_E_Spielplatz_Ruhrallee_2-netz

Duisburg 1974 – Günter Routhier stirbt nach Sturz bei einem Polizeieinsatz

Drüben im Zebrastreifenblog verfolge ich zwei Reihen, bei denen ich Lieder jeglicher Machart zu Duisburg und zur Ruhrstadt sammel. Die heutige Folge in der Duisburg-Reihe passt wegen ihres zeitgeschichtlichen Inhalts auch gut in diese Räume hier.

Vor knapp einem Monat, am 29. Mai, ist der Liedermacher Walter Mossmann gestorben. Der gute, knapp gehaltene Wikipedia-Artikel zu seiner Person macht nicht nur mit ihm und seiner Kunst schnell bekannt. Schlaglichtartig erhellt leuchten zudem zentrale politische Themen der 1970er bis 1980er Jahre in der BRD auf, Zeithistorie wird angerissen. Das kommt nicht von Ungefähr. Walter Mossmann verstand sein Liedermachertum als politische Stellungnahme.

Oft stehen seine Lieder in der Tradition des Bänkelgesangs, indem er einzelne Ereignisse des Zeitgeschehens aufgreift und sie aus links-alternativer Perspektive berichtend in die Öffentlichkeit bringt und sie kritisiert. Auch einem Duisburger Geschehen der 1970er Jahre hat er ein Lied gewidmet. Vor dem Duisburger Arbeitsgericht klagte 1974 ein entlassener Arbeiter von Mannesmann auf Wiedereinstellung. Der Arbeiter war Mitglied der KPD/ML und den Prozess besuchten zur Unterstützung Genossen, unter ihnen Günter Routhier, der an der Bluter-Erkrankung litt. Als der Richter den Prozesssaal nach der Urteilsverkündung von der Polizei räumen ließ, stürzte Günter Routhier auf der Treppe. Etwa zwei Wochen später verstarb er an einer Gehirnblutung.

Die gerichtliche Aufarbeitung dieses Sturzes wirkte auch auf die bürgerliche Presse nicht so, als habe die Wahrheit des Geschehens herausgefunden werden sollen. Polizeigewalt schien vertuscht werden zu sollen. Sieben Jahre später erscheint anlässlich eines weiteren Prozesses zum Geschehen ein Artikel in der ZEIT, in dem der Vorfall selbst, die langen vergeblichen Versuche der Aufarbeitung und die bundesweiten Reaktionen darauf geschildert werden. Eine dieser Reaktionen war ein Lied, das Walter Mossmann zum Tod von Günter Routhier machte: „Die Ballade vom zufälligen Tod in Duisburg.“

Der Eintrag zu Günter Routhier bei Wikipedia findet sich mit einem Klick weiter. Eine Dokumentation der seinerzeit begleitenden Berichterstattung aus radikaler linker Perspektive findet sich im Mao Projekt, der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“, in der „Texte so genannter maoistischer Gruppen sowie anderer radikaler linker Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin“ gesammelt sind.