Schimanski ist…ach, Götz George – Klickhinweis Zebrastreifenblog

Als ich über die Zusammenstellung der 111 Orte für das Buch nachdachte, wusste ich sofort, mit einem Ort musste ich „Schimanski“ erzählen. Denn die jüngste Geschichte der Ruhrstadt ist ohne Filmfigur Schimanski, verkörpert durch Götz George, nicht zu erzählen. Zu dieser Historie gehört nämlich das fortwährende Kreisen um die Identität der Region. „Schimanski“ eröffnete in den 1980er Jahre für eine bis anderthalb Generationen junger Menschen der Ruhrstadt eine Möglichkeit, sich zur Ruhrstadt zu bekennen. Götz George spielte den Schimanski zwar in Duisburg, aber junge Menschen der gesamten Ruhrstadt nahmen die Hafenstadt als Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Götz George ist am 19. Juni gestorben. Drüben im Zebrastreifenblog habe ich einen kurzen persönlichen Nachruf auf Götz George geschrieben.

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Über unsern Kohlenpott – Frank Baier singt ein Arbeiterlied als Heimatlied Ende der 1970er Jahre

Noch einmal bietet es sich an, einen Beitrag aus dem Zebrastreifenblog hier aufzugreifen. Drüben verfolge ich zwei Reihen, bei denen ich Lieder jeglicher Machart zu Duisburg und zur Ruhrstadt sammel. Eine neulich erschienene Folge in der Ruhrstadt-Reihe passt wegen ihres zeitgeschichtlichen Inhalts auch gut in diese Räume hier.

Gegen Ende der 1970er Jahre gibt der Liedermacher Frank Baier ein Konzert in Aachen. Glauben wir der Quellenangabe entstammt der Clip mit dem Lied „Über unsern Kohlenpott“ aus einem Dokumentarfilm von Florence Kraak und Klaus Helle. „Gegen Spekulanten“ habe ich als möglichen Titel gefunden. Allerdings spricht Frank Baier im Clip noch vom Anfang des Jahres 1979 und die Quelle gibt als Entstehenszeitraum 1976 bis 1978 an. So viel zur zeitlichen Einordnung.

Frank Baier – einmal mit einem Klick bei Wikipedia, einmal mit einem Klick zu seiner Seite – ist nicht nur schon seit jeher ein politischer Liedermacher, dessen Aufmerksamkeit deshalb auch dem historischen politischen Lied gilt, er versteht sich zudem als eine Art Historiograph des Ruhrgebietslieds. Zusammen mit Jochen Wiegandt hat er die Sammlung Glück auf! – Liederbuch Ruhr herausgegeben.

„Über unsern Kohlenpott“ ist eine schöne Liebeserklärung an die Region, in der verbesserbare Lebensverhältnisse der Arbeiter subtil zusammengebracht werden mit dem vordergründig beschriebenen Naturerlebnis Ruhrgebiet. Ende der 1970er Jahre war die Naturlandschaft Ruhrgebiet als öffentliches Bild noch eine sehr viel größere Sensation als heute. Für Frank Baier waren TV-Bilder dieser Naturlandschaft Anlass für das Lied. Frank Baier besingt die Landschaft und kontrastiert diese Freizeitlandschaft mit der „Maloche“. Es klingt ironisch, wenn alle, die so „schön schuften“, sich noch gratis Luft und Wasser warm machen. Schließlich geht es in der letzten Strophe um ein gar nicht mehr so schönes Leben als Malocher. So macht sich ein weiterer Sinnzusammenhang bemerkbar. Abhängigkeitsverhältnisse deuten sich an. Irgendjemand, der ungenannt bleibt, ist verantwortlich für die Lebenssituation der Malocher. Das ist anders als in den Texten der Gegenwart, in denen meist nur ein Zustand harten Lebens beschrieben wird. Nicht einmal indirekt gibt es noch Adressaten, denen Verantwortung für dieses Leben aufgebürdet wird.

Noch nicht historisch: Gegenwartsforschung zur Ruhrgebietsidentität

Als wir 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen schrieben, beschäftigten wir uns von Anfang an mit der Identität der Ruhrstadt. Sie war Richtschnur unseres Blickes auf die Vergangenheit und Ziel zugleich. Die Ruhrstadt besitzt keine starke Identität. Deshalb gibt es nur wenige historische Ereignisse etwa im Westen der Ruhrstadt, die bereits so erzählt sind, dass jemand im Osten sich sofort für sie interessiert. Jedes bedeutsame Geschehen unabhängig von der Industriegeschichte könnte die Identität dieser Ruhrstadt also stärken. Warum ist mir das wichtig? Nur eine starke Identität lässt die Städte gemeinsam handeln, um die Schwierigkeiten der Gegenwart zu überwinden.

Unser Buch soll also ein Beitrag sein, diese Identität der Ruhrstadt zu stärken. Wir wollten die Historie als eine die gesamten Städte der Region verbindende Erzählung. Dazu gehörte aber auch der Rückgriff auf das Bekannte, die industrielle Entwicklung, allerdings mit einem besonderen Dreh, sei es die Randgeschichte oder das Detail, in dem sich das Ganze spiegelt. Denn ohne das Wiedererkennen von bekannter Gemeinsamkeit fällt es schwerer auch in anderen Geschichten, abseits der Industrie, die Bedeutung für die gesamte Ruhrstadt wahrzunehmen.

In dem Zusammenhang interessiert ein Forschungsprojekt an der TU Dortmund zur Identität des Ruhrgebiets hier natürlich besonders. Auf einer schön gestalteten Seite im Netz wird das Projekt vorgestellt.

Dieses studentische Projekt ist im Rahmen des A-Projekts A01 im Wintersemester 2014/15 und Sommersemster 2015 im Studiengang Raumplanung an der Technischen Universität Dortmund entstanden. Das Projekt wird durch Univ.-Prof. Dr. iur. Benjamin Davy betreut und von Dipl.-Geogr. Marian Günzel beraten. Kommerzielle oder verurteilende Absichten werden nicht verfolgt. Das Projekt ist nicht im Auftrag eines Unternehmens oder einer Interessengruppen entstanden.

Teilnehmen an dem Projekt kann jeder mit einem Selfie:

Lade dein Selfie bei Instagram & Co. hoch, tagge dein Selfie mit dem Hashtag #ruhrselfie und schicke uns den Link zu deinem Ruhrselfie:

Diese Selfies bilden aber nur einen Teil der Datengrundlage zu der Studie. Reinzuschauen lohnt sich, wobei die Selfie-Analyse wahrscheinlich wenig repräsentativ sein wird. Identität zeigt sich auch an der Stelle: wer bewegt sich wo auf selbstverständliche Weise im Netz.

…der Lohntag ist für unseren Kumpel kein Sauftag mehr

Im Zebrastreifenblog verfolge ich unregelmäßig eine kleine Reihe, die dem „Heimatlied – Sektion Ruhrstadt“ gewidmet ist. Heute habe ich dort einen Song von Emscherkurve 77 gepostet, der wegen des dazu gehörigen Musikclips auch in diese Räume gehört. In dem Clip wird ein Ruhrgebiet Ende der 50er Jahre gezeigt, in dem die Schwerindustrie noch den Alltag bestimmt und das Leben in den Arbeitersiedlungen sich oft auf der Straße abspielte.

Der Anfang von „Wurzeln, Seele, Elternhaus“ wird durch einen wunderbaren O-Ton aus dieser Vergangenheit bestimmt. Eine patriarchische Stimme zeigt sich zufrieden mit der Entwicklung unter den Bergarbeiten. Man muss sich nur vergegenwärtigen, was sich heute so kurios anhört, war seinerzeit Thema in vielen Familien. Kommt der Ehemann mit der Lohntüte nach Hause oder geht er als erstes in die Kneipe vor dem Werks- oder Grubentor, um mit dem Geld mehr als nur das eine Bier und den Korn zu trinken? Doch machten die Arbeiter das nur so lange, bis der anonyme Sprecher der Öffentlichkeit mitteilen konnte: “Der Freitag, der Lohntag, ist für unseren Kumpel kein Sauftag mehr”, denn der “Kumpel sucht heute sein Zuhause”.

Das Stück selbst ist bester Heimatliedgesang in Punk-Tradition. Emscherkurve 77, 2000 gegründet, stammen aus dem Ruhrstadt-Stadtteil Oberhausen, wie bei Wikipedia zu lesen ist.

 

Wer grundsätzlich an Liedern interessiert ist, in denen das Ruhrgebiet besungen wird, egal welcher Stilrichtung findet drüben im Zebrastreifenblog die Serie Heimatlied – Sektion Ruhrstadt, wo ich auch meine Beweggründe für die Sammlung erkläre und wo bislang neben Klassikern wie dem Steigerlied in sieben Variationen oder dem Glück auf vom Spardosenterzett, neben Rapper und Schlagersängern auch Emscherkurve 77 mit weiteren ihrer Songs vertreten sind.